Mamas Hormone bestimmen Babys Persönlichkeit

18. Oktober 2003, 11:00
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An heimischen Graugänsen und Wachteln wird der Einfluss von Testosteron auf den Nachwuchs erforscht

Bei der Beantwortung der Frage, was ein Individuum so werden lässt, wie es sich schließlich präsentiert, hat neben genetischer Anlage und Erziehung ein weiterer Mitspieler die Bühne betreten. Wie sich im Zuge neuer Forschungen herausstellte, spielen auf den Embryo einwirkende mütterliche Hormone eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Empirisch arbeitende Psychologen fanden heraus, dass sich in allen menschlichen Gesellschaften Individuen am meisten entlang einer Achse proaktiv ("extrovertiert", "forsch") - reaktiv ("introvertiert", "schüchtern") unterscheiden. Tests an verschiedenen Tierarten legen den Verdacht nahe, dass eine solche Achse für alle Wirbeltiere Gültigkeit haben könnte. Doch welche Faktoren entscheiden darüber, wo auf dieser Achse sich ein Individuum einordnet?

Dass Gene und frühe Sozialisation eine wesentliche Rolle spielen, ist nichts Neues. Seit den 1960er-Jahren weiß man prinzipiell auch, dass Steroidhormone (zu denen unter anderem die beiden männlichen und weiblichen Sexualhormone Testosteron und Östrogen gehören) in der frühen Embryonalentwicklung den Verhaltenstyp nachhaltig formen können, doch ernsthaft untersucht wurde die Frage bis vor kurzem kaum. In dem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt "Testosteron und die Entwicklung der Persönlichkeit" führten Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstation in Grünau im Almtal, und seine Mitarbeiter entsprechende Versuche an Graugänsen und Wachteln durch.

Sie injizierten Testosteron in befruchtete, aber noch unbebrütete Graugans- und Wachteleier beiderlei Geschlechts und testeten die daraus schlüpfenden Vögel auf ihr Verhalten. Nach den jeweiligen Tests wurde der Kot der Tiere auf Stresshormone und Androgene (das sind männliche Sexualhormone, von denen Testosteron das wichtigste ist) untersucht. Wie sich herausstellte, zeitigt das embryonale Testosteron lebenslange Folgen. Die Vögel aus den behandelten Eiern verhielten sich durchwegs "forscher" als die der Kontrollgruppe: Sie reagierten weniger ängstlich in den "open field"-Tests, bei denen ganz junge Küken allein in eine neue Umgebung gesetzt werden, sie gingen rascher auf neue Gegenstände zu, lernten verschiedene Verhaltensweisen schneller und waren durchsetzungsstärker als die Tiere aus den unbehandelten Eiern - und das nicht nur nach dem Schlüpfen, sondern auch noch im Alter von einem Jahr.

Vögel eignen sich gut für Untersuchungen über den physiologischen Einfluss der Mutter, weil die Jungen im Ei von ihren Geschwistern abgeschnitten sind und daher von ihnen auch nicht hormonell beeinflusst werden können. Bei Säugern mit obligaten Mehrlingsgeburten ist das nicht so einfach: So bekommen zum Beispiel weibliche Föten, die im Uterus zwischen zwei männlichen platziert sind, durch diesen "geografischen" Umstand mehr Androgene mit als solche, die zwischen anderen Weibchen liegen, und sind postnatal prompt aggressiver, gehen weiter von zu Hause weg und so weiter.

Das Grünauer Projekt ist das erste, das sich bezüglich Hormoneinfluss mit Nestflüchtern (das sind Vögel, die schon sehr kurze Zeit nach dem Schlupf das Nest verlassen und - unter Anleitung der Eltern - praktisch von Anfang an ihre Nahrung selbst suchen) befasste.

Forschungen an anderen Vogelarten hatten bereits gezeigt, dass Eier einander zwar sprichwörtlich gleichen mögen, nicht aber der Inhalt: So legen die meisten Singvögel fünf bis sechs Eier in einem Abstand von etwa 24 Stunden, beginnen gewöhnlich aber bereits ab dem zweiten Ei zu brüten, was zu einem gestaffelten Schlüpfen der Jungen führt. Diese sind Nesthocker, das heißt, sie hängen völlig von den Eltern ab - und diese stopfen die meiste Nahrung in die am weitesten sperrenden Schnäbel. Diese wiederum gehören gewöhnlich den größeren Jungen, die zudem dazu neigen, jüngere Geschwister aus dem Nest zu werfen oder direkt zu töten. Unter solchen Umständen ist nicht egal, wie viel Durchsetzungskraft ein Vogel mitbekommt - intensives Sperren kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

An Kanarienvögeln konnte gezeigt werden, dass die Menge an Testosteron, mit der die Mutter die Eier ausstattet, desto höher ist, je später sie das Ei legt. Und je mehr Testosteron, desto hartnäckiger reißt auch der kleinere Nachwuchs den Schnabel auf. Man lasse sich jedoch nicht täuschen: Hier geht es nicht um Mutterliebe, die auf die Jüngsten und Schwächsten zielt, sondern um erhöhte Überlebenschancen der Jungen und damit höheren Fortpflanzungserfolg der Mutter.

Bei Reihern etwa ist das Gegenteil der Fall. Diese legen immer nur zwei Eier, wobei das erstgeschlüpfte Junge das zweite regelmäßig umbringt und auffrisst. Hier bekommt das erste Ei mehr Testosteron mit als das zweite, das offenbar nur als "Versicherung" für den Fall gelegt wird, dass das erste irgendwie zu Schaden kommt. In den fix platzierten Verlierer wird gar nicht erst investiert.

Apropos Zweitgeborene: Laut Untersuchungen des amerikanischen Psychologen Frank Sulloway, der sich mit den Bedingungen befasste, die zu menschlicher Kreativität führen, ist die Geburtsreihenfolge mit Abstand der wichtigste Faktor. Er fand eine 16-mal höhere Wahrscheinlichkeit, dass Zweitgeborene sich zu politischen und wissenschaftlichen Innovatoren entwickeln, während Erstgeborene eher zu Angepasstheit neigen.

Bei Nestflüchtern wie Graugänsen und Wachteln spielt die Geburtsreihenfolge so gut wie keine Rolle, aber Testosteron erhöht sozusagen das Selbstvertrauen. Selbiges bewirkt allerdings auch, dass die Tiere bereitwilliger "zu neuen Horizonten" aufbrechen - und so ist von den ursprünglich fünfzehn 15 Testosteron-Graugänsen nur noch eine an der Forschungsstation anzutreffen. Die anderen fünf, die es ins Erwachsenenalter schafften (der Rest fiel im Lauf der Zeit Fuchs oder Marder zum Opfer), haben die regelmäßige Fütterung gegen die Unabhängigkeit getauscht.

Die vierzig Wachteln allerdings, die unter Laborbedingungen gehalten werden, sind noch da und zeigen dieselbe hundertprozentige Korrelation zwischen Testosteronspritze und proaktivem Verhalten. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 10. 2003)

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