Geschichten erzählen im Museum

18. Oktober 2003, 10:30
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Kurator Werner Hanak ist ein Ausstellungsdramaturg

Für seine letzte Ausstellung wurde ihm ja anfangs Schiffbruch prophezeit. Doch letztlich ist die von Werner Hanak kuratierte Ausstellung "quasi una fantasia" über "Juden und die Musikstadt Wien" sogar verlängert worden. Noch bis 26. Oktober steht sie im Jüdischen Museum in Wien für Besucher offen. Für Hanak ist damit ein Konzept und der damit verbundene Anspruch aufgegangen: Eine Ausstellung muss eine Geschichte erzählen. Das ist alles eine Frage der guten Dramaturgie, erzählt er als Unilektor den Studenten.

Damit er schön inszenierte Geschichten im Museum erzählen kann, arbeitet sich der Theater- und Publizistikwissenschafter schon zwei, drei Jahre in ein Thema ein. Da wird er zum Spezialisten für bis dahin unbekannte Bereiche der jüdischen Kulturgeschichte. Er sieht sich in seiner bereits zehn Jahre währenden Kuratorentätigkeit als Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Als Generalist gelinge es ihm, Fachwissen und wissenschaftliche Forschung so aufzubereiten, "dass es die Leute verstehen". Das Werk eines Kurators sei gelungen, wenn die Menschen ins Museum kommen. Die schöne Draufgabe ist es, wenn die Besucher die von ihm begonnenen Geschichten auf ihre Art zu Ende erzählen.

Seine "heimliche Liebe" gilt aber dem Filme machen. Kein Zufall: Damit kann er wieder Geschichten erzählen. Soeben ist er aus Los Angeles zurückgekehrt, die Kamera war mit im Gepäck. Mit seiner "echten" Liebe, Freundin Natalie, hat er in der Stadt bei einer angesehenen Künstlerkolonie recherchiert, die nun einem Naturpark weichen muss. Ein Spannungsfeld, wie es ihn fasziniert.

Faszinierend findet er auch die wechselseitige Wahrnehmung zwischen Europa und den USA. Die Oberflächlichkeit, die man Amerikanern hier zu Lande vorwirft, kann er nicht bestätigen. Er habe zum Beispiel Los Angeles als "eine sehr intellektuelle Stadt" kennen gelernt. Umgekehrt sei die Reduzierung Europas "auf die alte Welt" hat ja auch ein bewusst eingesetztes Vorurteil.

Das Interesse an Widersprüchen ist ihm von den Eltern vorgelebt worden. Als "progressiv-konservativ" bezeichnet er das Umfeld, in dem er in Salzburg aufgewachsen ist. Die Mutter war Entwicklungshelferin, der Vater Militärseelsorger der evangelischen Kirche. Des Vaters Ambivalenz: Er war beim Bundesheer, erzählt Hanak, gleichzeitig ist er für die Friedensbewegung auf die Straße gegangen.

Wenn Beruf und persönliche Interessen so zusammen treffen wie bei Werner Hanak, dann braucht man kein Hobby. Dann geht alles Spannende ineinander über und befruchtet sich wechselseitig. Dieser ideale Lebensumstand muss nur ab und zu konditionell unterstützt werden. Die Vorsätze, wieder Kraft beim Laufen zu tanken, sind noch frisch. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 10. 2003)

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