Der Skandalprinz als "Retter des Vaterlandes"

23. Oktober 2003, 12:57
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Die prekäre Demokratie Groß-Rumäniens, Einheitsstaat mit 30 Prozent Minderheiten, hielt sich nur ein Jahrzehnt

Die durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg ermöglichte Bildung Groß-Rumäniens stellte den Staat vor weit größere Probleme, als sie ein halbes Jahrhundert zuvor die Vereinigung der Donaufürstentümer Walachei und Moldau mit sich gebracht hatten. Das Konzept von König Ferdinand I. (1914-1927) und der dominierenden, von den Brüdern Bratianu geführten Nationalliberalen Partei setzte auf das französische Vorbild des Zentralstaates. Allerdings hatten sich in den neugewonnenen Gebieten, in Siebenbürgen, in der Bukowina und in Bessarabien, noch vor den Friedensschlüssen Nationalräte gebildet, die föderale Lösungen erwarteten und den nationalen Minderheiten Eigenständigkeit zusicherten.

In Bukarest war man weit entfernt davon, diese Vorstellungen zu verwirklichen. Die Integration Groß-Rumäniens zu einem nationalen Einheitsstaat sollte rasch erfolgen, um allfällige Revisionswünsche der Nachbarn vor vollendete Tatsachen zu stellen. Die von Bukarest ausgehende Vereinheitlichung war für viele Rumänischsprachige in den vormals habsburgischen Landesteilen, in denen die Verwaltung und die Bildungsmöglichkeiten den Verhältnissen in Kernrumänien überlegen gewesen waren, enttäuschend. Der dem Land in den Friedensverträgen aufgetragene Minderheitenschutz wurde nur mangelhaft erfüllt. Rund 30 Prozent der Bevölkerung hatten eine andere Muttersprache; die größten Minderheiten waren Magyaren (8 Prozent), Deutsche, Juden und Ukrainer.

Noch während des Kriegs hatte der König seinen Soldaten eine Bodenreform versprochen, und sie wurde auch in Angriff genommen. Die Enteignungen betrafen in erster Linie ungarische Großgrundbesitzer, aber auch Kirchen und Gemeinden. Allerdings blieb die landwirtschaftliche Struktur auch nach der Verteilung von Ackerland eine von Kleinstwirtschaften; der überwiegende Teil der bäuerlichen Betriebe lag unter den 5 Hektar, die als ausreichend für die Existenzsicherung der Bauernfamilien angesehen wurden. Die Bemühungen der Nationalliberalen, durch Industrialisierung wirtschaftliche Autarkie zu erreichen, blieben Stückwerk, zumal versäumt wurde, Bahn und Straßen auszubauen.

Lediglich die Erdölförderung wurde zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig; in der Zwischenkriegszeit hielt Rumänien in diesem Bereich den sechsten Platz in der Welt.

Während die Provinzen vernachlässigt blieben, wurde die Entwicklung der Hauptstadt Bukarest zu einem glanzvollen Zentrum ausgebaut, das als "Paris des Ostens" als erste Adresse für den ganzen Balkanraum galt.

Die neue Verfassung von 1923 sollte durch ein allgemeines Wahlrecht (zunächst nur für Männer) den Weg zu demokratischen Verhältnissen öffnen. Der bedeutendste Gegenspieler der Nationalliberalen Partei wurde die Nationale Bauernpartei. Die Sozialdemokratische Partei spielte im Bauernland Rumänien keine bedeutende Rolle. Die Kommunistische Partei wurde 1924 verboten.

Die Regierungen wechselten einander häufig ab. Der König hatte eine relativ starke Stellung; er konnte vom Parlament beschlossene Gesetze zurückweisen. Das Wahlsystem vergab der jeweils siegreichen Partei eine "Mehrheitsprämie", die ihr eine weit über die absolute Mehrheit gehende Zahl von Parlamentssitzen sicherte. Parteiegoismus und die weit verbreitete Korruption des Beamtenapparats brachten die Demokratie in Misskredit.

Außenpolitisch orientierte sich Rumänien an Frankreich. Hauptziel der Bündnispolitik blieb dabei die Abwehr ungarischer Revisionswünsche; zusammen mit der Tschechoslowakei und Jugoslawien wurde die "Kleine Entente" gebildet. Später wurde Rumänien mit Jugoslawien, Griechenland und der Türkei Mitglied des Balkanpakts, der sich auch gegen bulgarische Ansprüche richtete. Auch die Sowjetunion, die die Annexion Bessarabiens nie anerkannt hatte und zu der es lange keine diplomatischen Beziehungen gab, war ein gefürchteter Nachbar.

Nach dem Tod Ferdinands I. brachte das Königshaus das Land in Turbulenzen. Der Thronfolger Carol hatte schon 1918 seinen Verzicht auf die Krone erklärt, weil er im deutsch besetzten Odessa die Ehe mit einer Bürgerlichen - Valentine Lambrino - vorzog. Auf Druck seines Vaters Ferdinand wurde aber die Ehe annulliert, und 1921 schien durch die Verheiratung des Kronprinzen mit der griechischen Prinzessin Elena, die im bald auch einen Sohn Michael (Mihai) gebar, die Nachfolge gesichert.

Doch Carols Eskapaden gaben schon nach vier Jahren der Boulevardpresse ganz Europas neuen Stoff. Er verliebte sich in eine geschiedene Dame von zweifelhaftem Ruf, Magda Lupescu, reiste mit ihr nach Venedig und ließ seine Heimat erneut wissen, dass er auf den Thron keinen Wert lege. Das Paar kehrte Rumänien den Rücken und lebte vor allem in Paris.

Als König Ferdinand starb, wurde der sechsjährige Mihai zum König gekrönt, ein Regentschaftsrat wurde an die Spitze des Staates gestellt. Doch gegen Ende der 1920er-Jahre geriet der Parteienstaat zunehmend in eine Krise. Die rechtsextreme, scharf antisemitische "Eiserne Garde" mit Corneliu Zelea Codreanu an der Spitze setzte offen auf eine faschistische Umgestaltung des Staates. Sie war aus der studentischen "Legion Erzengel Michael" entstanden, ihre Aktivisten nannten sich weiterhin Legionäre. In grünen Hemden mit Kreuzen an der Brust zogen sie mit dem Ruf "Rumänien erwache!" durch die Dörfer und Kleinstädte und drangsalierten, oft unter dem Beifall der Bevölkerung, die Juden.

In dieser Situation forderten Militärkreise Carol auf, als regierungsfähiger König in die Heimat zurückzukehren. Und er zeigte sich bereit, nun die Rolle eines Retters des Vaterlandes zu übernehmen, zumal die ihm feindlich gesinnten Nationalliberalen von einer Regierung des Chefs der Bauernpartei, Iuli Mania, abgelöst worden waren. Er trennte sich von Madame Lupescu, versöhnte sich mit seiner geschiedenen Gattin und wurde nach Rumänien eingeflogen. In Bukarest wurde er am 8. Juni 1930 als Carol II. (1930-1940) anstelle seines minderjährigen Sohnes auf den Thron gesetzt.

Er sollte, zunehmend auf autoritärem Kurs, den Kampf gegen den Terror der "Eisernen Garde" gewinnen - aber mit seiner Außenpolitik scheitern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 10. 2003)

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