UN im Krieg gegen die Wissenschaft

22. Oktober 2003, 19:20
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Vereinte Nationen blockieren Biotechnologie als Möglichkeit, den Hunger in der Welt zu verringern - Kommentar der anderen

UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte, dass sich die weltweiten wissenschaftlichen Aktivitäten durch Ungleichheit auszeichnen. Er warnte, dass Entwicklungsländer weit weniger in wissenschaftliche Forschung investieren und weniger Wissenschafter hervorbringen und dass das resultierende Ungleichgewicht bei der geografischen Verteilung wissenschaftlicher Aktivität sowohl für die Wissenschaftsgemeinde in Entwicklungsländern als auch für die Entwicklung an sich Probleme erzeugt. Er drängte Wissenschafter überall auf der Welt, diese Ungleichheit zu beseitigen, alle am Nutzen der Wissenschaft teilhaben zu lassen.

Wie humanitär. Wie aufgeklärt. Wie scheinheilig. Die UN sollen doch das Kontrollgremium für die Menschenrechte sein, von denen das grundlegende das Recht auf Nahrung ist. Menschenrechte werden meistens verletzt, weil Menschen in verzweifelter Armut leben. Ein Faktor, der zu dieser Armut beiträgt, ist das Unvermögen der Menschen sich wirksam zu ernähren. Es sollte das Leitziel der UN sein, alle in die Lage zu versetzen, die Nahrungsmittelproduktion eigenständig abzudecken.

Stattdessen hält das Eigeninteresse der UN-Behörden Arme davon ab, ihr Leben zum Besseren zu wandeln - und sogar zu überleben. Die UN opfern Wissenschaft und Technologie rücksichtslos ihrem bürokratischen Eigeninteresse und schaffen so wesentliche Hürden für Innovationen, die den Ärmsten der Armen helfen können. Insbesondere die Beteiligung der UN an der übermäßigen, völlig unwissenschaftlichen Regulierung der Biotechnologie oder genetischen Veränderung (GV), wird landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung verlangsamen, Umweltschäden fördern und dazu beitragen, Hungersnöte über Millionen von Menschen in Entwicklungsländern zu bringen.

Während der vergangenen zehn Jahre verhandelten Delegierte der von den UN gesponserten Konvention über biologische Vielfalt ein "Protokoll über die biologische Sicherheit", um die internationale Ein- und Ausfuhr von GV-Organismen zu regeln. Es basiert auf dem trügerischen "Vorsorgeprinzip", in dem vorgeschrieben ist, dass für jede neue Technologie der lückenlose Beweis der Ungefährlichkeit erbracht werden muss, bevor sie angewendet werden kann. Vorbeugung ist wünschenswert, weil aber nichts als absolut sicher bewiesen werden kann, hat sich das Vorsorgeprinzip zu einem selbstzerstörerischen Stolperstein für die Entwicklung neuer Produkte entwickelt.

Beweislastumkehr

Vorsorgliche Regulierung verlagert die Beweislast vom Regulierer, der früher nachweisen musste, dass eine neue Technologie wahrscheinlich Schaden verursachen würde, auf den Innovator, der nunmehr nachweisen muss, dass die Technologie dies nicht tun wird. Diese Verlagerung ist verhängnisvoll, weil sie den Aufsichtsbehörden die Freiheit gibt, jegliche Art und Menge an Tests zu verlangen, die sie wünschen. Anstatt einheitliche, vorhersehbare und wissenschaftlich stichhaltige Rahmenbedingungen für den wirksamen Umgang mit begründeten Risiken aufzustellen, entsteht durch das Protokoll über die biologische Sicherheit ein undefiniertes globales Genehmigungsverfahren, das es übermäßig risikoscheuen, inkompetenten oder korrupten Regulierern ermöglicht, sich bei der Verzögerung oder beim Aufschieben ihrer Zulassung hinter dem Vorsorgeprinzip zu verstecken.

Zu den Beispielen zählen ein fünfjähriges Moratorium bei der Zulassung von GV-Pflanzen in ganz Europa und die Ablehnung von dringend notwendigen Nahrungsmittelhilfen durch mehrere afrikanische Länder - nur weil diese die gleichen GV-Getreidesorten enthalten, die tagtäglich in Nordamerika verzehrt werden. Die Europäer wollen GV-Produkte stoppen, weil die Technologie in amerikanischen Labors entwickelt und von US-Unternehmen vermarktet wurde, die mit amerikanischem Kapital finanziert wurden. Sie werden von radikalen, regierungsunabhängigen Umweltorganisationen unterstützt, die neue Technologien ideologisch ablehnen. Dieses Regulierungsregime wird weniger entwickelten Ländern genau die Art von Technologie verweigern, die sie dringend brauchen.

Übermäßig belastende Standards für GV- Nahrungsmittel sind nicht nur wegen ihrer direkten Folgen für die Forschung und Entwicklung verhängnisvoll, sondern auch weil sich die Mitglieder der Welthandelsorganisation, im Prinzip, nach ihnen richten müssen. Diese Standards werden unfairen Handelspraktiken Schutz bieten.

Nachhaltiger Schaden

Die unwissenschaftlichen Standards und Regulierungen, die man im Namen der Weltbevölkerung verteidigt, fügen der Umwelt und der öffentlichen Gesundheit tatsächlich Schaden zu, indem sie die Entwicklung umweltfreundlicher Innovationen behindern, die die landwirtschaftliche Produktivität steigern können, bei der Reinigung von Giftmüll helfen, Wasser sparen und landwirtschaftliche Chemikalien ersetzen können. Die UN-Experten warnen selbst, dass die wachsende Weltbevölkerung und ihr Bedarf an immer mehr Land für die Nahrungsmittelproduktion die größte Bedrohung für die Umwelt darstellt.

Wissenschafter weltweit sind sich einig, dass genetische Veränderung lediglich eine Verfeinerung oder Verbesserung gegenüber weniger präzisen und berechenbaren genetischen Techniken ist, die seit einem Jahrhundert verwendet werden. Die neue Methode, Pflanzen zu entwickeln, die höhere Erträge erzielen und innovative Eigenschaften besitzen, wird jedoch blockiert. Moralisch gesehen gibt es keinen Unterschied dazu, die Erlaubnis zum Bau eines unsicheren Damms zu erteilen oder wissentlich einen verunreinigten Impfstoff zu verabreichen. Zahllose Menschen werden als Reaktion auf die willkürlichen, unwissenschaftlichen Einschränkungen, ihnen und uns zu helfen, sinnlos leiden und sterben. Die UNO samt ihrem Generalsekretär sollte für diese Menschenrechtskatastrophe verantwortlich gemacht werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 10. 2003)

Von Henry I. Miller und Gregory Conko

Henry Miller vom Hoover Institut der Stanford-Universität war Beamter der US-Nahrungsmittel- und Medikamenten- behörde und Mitglied der Nationalen Expertengruppe für Biotechnologie der OECD. Gregory Conko leitet den Bereich Lebensmittel- sicherheit am Competitive Enterprise Institute in Washington, D.C.
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