Obsessionen in Zeiten des Umbruchs

24. Oktober 2003, 23:55
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Oleg Postnow schillernder Roman über eine verhängnisvolle Beziehung

Die Rahmenhandlung: ein russischer Emigrant findet in einem amerikanischen Antiquariat die Aufzeichnungen eines Unbekannten, K. genannt. So konventionell beginnt Oleg Postnows Roman, der sich nicht nur im Einstieg auf klassische Motive bezieht. Denn der 1962 in Nowosibirsk geborene Philologieprofessor erweist sich als profunder Kenner abendländischer Literatur, speziell der Schwarzen Romantik und ihrer Adepten.

Zwar äußert er sich ein wenig hochmütig über Schriftsteller wie Ambrose Bierce oder H. P. Lovecraft, erweist aber seine Reverenz dem Altmeister E. A. Poe, indem er sich auf "Metzengerstein", eine weniger bekannte Erzählung Poes bezieht. Damit ist der Grundtenor von Angst angeschlagen: die tödliche Obsession.

K. begegnet in seinen Schulferien am Land, einer gruseligen Alten, dem Gespenst einer Weißen Frau und einer nicht weniger unheimlichen, frühreifen Lolita, die den Knaben nachts in einem Boot verführt. Als die Alte stirbt, erlebt er Fürchterliches. Er wird als "Bräutigam für das Jenseits" symbolisch mit der Leiche der Alten vermählt, ein abseitiger Volksbrauch der Ukraine, so scheint es. Später kann K. nicht klar entscheiden, ober die nächtliche Szene wirklich erlebt, oder nur geträumt hat. Jedenfalls bleibt er zeitlebens von Tonja, seiner kindlichen Geliebten besessen. Tonja ist die Femme fatale schlechthin. Ihr Geheimnis ist, dass sie sich verweigert, immer wieder entzieht und darum in ihrem Gegenüber den unbedingten Wunsch auslöst, sie endlich mit Haut und Haar zu besitzen und zu unterwerfen. Das kann nicht gelingen. Denn die Femme fatale ist emotional nicht berührbar. Und wenn sie gar mit jenseitigen Kräften verbündet ist, unbesiegbar. K. begegnet Tonja als junger Mann in Kiew wieder. Und abermals ist er von der verwirrenden Atmosphäre um diese promiskuitive Frau gefesselt.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Zerfall der Sowjetunion, den K. nur en passant wahrnimmt, manifestiert sich auch darin, dass Tonja und ihr Mann in die USA auswandern können. K. erlebt den August '91 in Moskau ohne zu verstehen, was die demonstrierenden Menschen auf der Straße eigentlich wollen. Und er taugt nicht zum Helden. Zwar wird er während der Tumulte zufällig verletzt, aber er hat keine Ahnung wieso und das Ganze gerät zur Farce.

Postnow gelingt der Spagat zwischen dem zauberischen Reich der Kindheit, das in einem anderen Jahrhundert angesiedelt ist und dem prosaischen Verfall eines politischen Systems aus der Sicht eines Spötters gleichsam spielerisch.

Das Wiedersehen mit Tonja in den USA verläuft ganz anders als erwartet. Aber während K. immer noch grübelt und der verlorenen Liebe fassungslos nachtrauert, fügt Postnow einen nüchtern betitelten "Teil zwei" aus der Sicht Tonjas hinzu. K.s radikaler Subjektivismus wird in dem wie ein Bericht gestalteten Anhang demontiert. Was hat sich wie wirklich zugetragen? Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen. Man könnte sagen, der Erzähler K. ist mit seinen Mystifizierungen in vergangenen Zeitaltern gefangen, Tonja aber ist, käuflich und eiskalt, bis in ihren sehr "zeitgemäßen" Tod, der Gegenwart verhaftet. Postnow spielt virtuos mit archetypischen Bildern; da wo er es auf Gruseleffekte abgesehen hat, ist er meisterlich, doch spekuliert er auch geschickt mit marktfördernden pornographischen Zutaten. (DER STANDARD; Printausgabe, 18.10.2003)

Von Ingeborg Sperl

Oleg Postnow, Angst. Deutsch von Ganna-Maria Braungardt. € 20,50/313 Seiten. Rowohlt, Berlin 2003.

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