Italienischer Mikrokosmos in den Bergen

17. Oktober 2003, 20:41
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Ah, qui bisogna parlare il tedesco!" Schlohweißes Haar, die Stimme wechselt mühelos ins Deutsche, im Gespräch die unvergleichliche italienische Grandezza. Nein, eine Theorie habe er nie gehabt, es sei einfach viel Erfahrung und Instinkt gewesen, die ihn zu seinen architektonischen Lösungen geführt haben. Seine Arbeit hat sich immer wieder aus dem Prozess entwickelt, erklärt der 94-jährige Gellner.
Handwerk und Material, diese fast magischen Worte tauchen immer wieder in dem Interview auf, das in einer Ausstellung im Architekturforum Tirol zu sehen ist. Gellners Herkunft könnte einem Bilderbuch Altösterreichs entstammen. Seine Kindheit verbrachte er im Abbazia der Jahrhundertwende, die k. k. Riviera avancierte in jenen Jahren zum mondänen Kurort. Die Eltern betrieben eine bottega, hinlänglich zu übersetzen mit "Werkstätte", wo anfänglich das Gewerbe der Schildermaler ausgeübt und später zunehmend Inneneinrichtungen hergestellt wurden. Hier absolvierte der junge Edoardo seine Lehrzeit.

Genau hier liegt sicher auch ein Schlüsselmoment für Gellners späteres Schaffen. Die Logik und Praxis des Handwerks und der Materialtechnologien bestimmten von Anfang an spürbar sein gestalterisches und architektonisches Handeln. Seine weitere Ausbildung verlief mäandrierend. Eine weitere wichtige Phase, die allerdings nur kurz dauerte, war die Zeit an der Kunstgewerbeschule in Wien. Hier erfuhr Gellners im Handwerk wurzelnde Haltung eine fast ideologische Bestätigung.

Die damalige Ausbildung an dieser Schule atmete noch den Geist jener reformistischen Programme des 19. Jahrhunderts, die dem Kunstgewerbe - auch im architektonischen Kontext - eine höchst bedeutende Rolle einräumten. In den 30er-Jahren entwarf Gellner bereits in der Firma des Vaters, woraus sich bald in logischer Folge Aufträge aus dem Bereich der Innenarchitektur ergaben. Seine Tanzbars waren legendär; Gellner gelang ein genialer Transfer von Prinzipien handwerklich-kunstgewerblicher Meisterschaft in eine neue, leichte und hochprofessionelle Sprache. Sein gestalterisches Savoir-vivre atmete den Geist des frühen Designs, die Lebensfreude und Dynamik der Moderne. Architektur "studierte" er erst später, nach mehreren Jahren Berufspraxis, sein Diplom erwarb der 37-Jährige nach dem Krieg an der Architekturfakultät in Venedig.

1958 bildete die Eröffnung der Feriensiedlung Corte di Cadore in der italienischen Provinz Belluno nahe Cortina d'Ampezzo den Höhepunkt der Umsetzung eines kongenialen Projekts. Inmitten einer atemberaubenden Bergkulisse in den Dolomiten des Venetos hatte Gellner für die damalige Zeit eine Ferienanlage der Superlative errichtet. Gemeinsam mit Enrico Mattei, dem Präsidenten des italienischen Energiekonzerns ENI, hatte der Architekt ein architektonisches und sozialreformatorisches Modell konzipiert und umgesetzt.

Auf einem über zweihundert Hektar großen Areal konnten über dreitausend Gäste in 252.000 Kubikmeter verbautem Volumen beherbergt werden. Die Idee stammte von Enrico Mattei - die Anlage sollte eine Ferienmöglichkeit für die Mitarbeiter des riesigen staatlichen Konzerns bilden.

Das Projekt in Corte di Cadore spiegelte von Anbeginn den Geist der italienischen Nachkriegszeit wider, einen christlich-demokratischen Wertgedanken und den großen unternehmerischen Ehrgeiz Matteis. Die sozialen Überlegungen, die zu Konzept und Bau der Anlage führten, waren großzügig und gleichzeitig ambivalent. Ein architektonisches Erbe des positivistisch-rationalistischen Geistes aus dem italienischen Faschismus findet sich hier ebenso wie das zutiefst katholische Denken des traditionellen Italien. Der Mikrokosmos Corte di Cadore zeigte sich in seiner sozialen und gesellschaftspolitischen Vision von diesen Werten durchwoben: Wer das Gelände bewohnte, wurde in ein klares Schema gestuft. Für die Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren, die ohne ihre Eltern mehrere Wochen in den Bergen zubrachten, war die Colonia der Zielort. Die riesige Anlage für sechshundert Kinder bestand aus Gemeinschaftsräumen und Schlafsälen, einer Krankenstation und Räumlichkeiten für die Betreuer. Streng funktionalistisch organisiert, entwickelte Gellner ein architektonisches und städtebauliches Konzept, das nach wie vor besticht. Der logistischen Strenge setzte er ausgeklügelte Farbgebungen und sensible Details entgegen. Die Kinder über zwölf Jahren waren im Campeggio, in kleinen Holzbauten, die Zelten nachempfunden waren, untergebracht. Mit zunehmendem Alter bekamen die Kinder mehr Freiraum, standen jedoch immer unter Aufsicht eines Betreuers.

Den interessantesten Abschnitt in Corte di Cadore bilden die Einfamilienhäuser. Dreihundert - ursprünglich waren 600 geplant - realisierte Einfamilienhäuser sind lose, wie zufällig, über den Hang des Monte Antelao verteilt. Sie waren für die Aufenthalte der "kompletten" Familien gedacht. Die soziale Logik war überzeugend. Matteis Gedanke - ein Arbeiter könne noch nicht in einem Gebäude gemeinsam mit dem leitenden Angestellten wohnen, dafür sei die Zeit noch nicht reif - führte zu genau diesem Konzept der einzelnen Wohnhäuser. Sie entstanden in mehreren Abschnitten. An dieser Bauaufgabe schulte Gellner die Hervorbringung eines architektonischen Prototypen bis zur Perfektion. In einem offenen und experimentellen Prozess beschäftigte er sich mit Materialien, Farben, konstruktiven Möglichkeiten und unterschiedlichen Grundrissen. Regionale Baustoffe und ein zu jener Zeit noch absolut neuartiger Umgang mit ökologischen Themen kennzeichnen diesen Teil der Siedlung.

Der Gedanke der prototypischen Präfabrikation vereinte sich mit einer nahezu autochthonen Haltung, die Gellner über eine differenzierte Auseinandersetzung mit Region und Landschaft erreichte. Der Schotterhang des Monte Antelao war ursprünglich der Bauplatz zweiter Wahl gewesen, den Gellner jedoch nach reiflicher Überlegung vorgezogen hatte. Die "verwundete" Landschaft wollte er durch Architektur im physischen Sinne versöhnen. Dieser Vorgang, den Friedrich Achleitner treffend als "Rekonstruktion" bezeichnet hat, bedeutete gewissermaßen eine ökologische Sanierung der Natur mit den Mitteln der Architektur. Der vormals kaum bewaldete, karstige Hügel wurde mit Grasnarben bedeckt und aufgeforstet. Heute hat die Natur den Hang zurückerobert und sich symbiotisch mit der Architektur verbunden. Die Einfamilienhäuser sind von der Ferne kaum mehr sichtbar, nur die Kirche, die Edoardo Gellner gemeinsam mit dem italienischen Architekten Carlo Scarpa entworfen hatte, lugt zwischen den Baumwipfeln hervor.

Obwohl Corte di Cadore zu Recht als hervorragendes Beispiel für Bauen in den Bergen oder als Tourismusarchitektur in die Geschichtsschreibung eingegangen ist und auch vorwiegend über diesen Aspekt rezipiert wurde, sind die sozial- und kulturhistorischen Dimensionen dieses Großprojektes wichtige und wesentliche Momente des Unterfangens.

Wie sich wohl die kleinen Buben und Mädchen der Arbeiterschaft, die im Nachkriegsitalien alleine von ihren Eltern in die Berge geschickt wurden, um ihre schmächtigen Körper wenigstens für drei Wochen anständig zu ernähren und medizinisch versorgt zu wissen, in den piranesiartigen Fluchten und Erschließungsrampen der Colonia fühlten? Ob sie die "Landschaft" spüren und genießen konnten? In Gellners fraglos außergewöhnliche Architektur, in die Tiefe der Farbigkeit, die ausgeklügelte Sprache der Details, mischt sich gelegentlich eine leise Beklemmung.

Corte di Cadore wurde bis in die 90er-Jahre von ENI betrieben, obwohl einige Planungen von Gellner nach dem Tod des Präsidenten nicht mehr ausgeführt wurden. Enrico Mattei, der unternehmerische Demiurg, hatte in der Zeit des Kalten Krieges Verträge über Energielieferungen mit der UdSSR abgeschlossen und lebte gefährlich. Die Explosion seines Hubschraubers, die er nicht überlebte, setzte einen tragischen Schlusspunkt unter eine schillernde Existenz.

Vor wenigen Jahren hat ein großes sardisches Bauunternehmen die Siedlung in Corte di Cadore erworben. Langsam haben die dringend nötigen Renovierungsmaßnahmen begonnen. Eine Marketingstrategie sieht für die teilweise auch strukturell völlig veraltete Anlage neue Nutzungen vor. Bereits renovierte Einfamilienhäuser können gemietet oder im Kauf erworben werden. Das "noble" Hotel Boite, auch ein Teil der Anlage, steht jetzt ebenfalls für Gäste offen. Ein Besuch im "Boite" gleicht einer Zeitreise, ist Architektur- und Landschaftserlebnis zugleich.

Die von Paolo Biadene sorgfältig kuratierte Schau im Architekturforum Tirol in Innsbruck (noch bis 24. Oktober) - Biadene zählt zu den zweifellos besten Kennern dieser Anlage - vermittelt vorwiegend die architektonische und landschaftliche Komplexität der Anlage. Ein Mittelpunkt der Ausstellung ist ein aktuelles filmisches Interview mit Edoardo Gellner. Es erhellt die einzelnen Aspekte seines Denkens auf ganz besondere Art. Die prophetische Aura des Architekten verführt und begeistert - zugleich bleiben einige Fragen offen. Alles hat er uns nicht gesagt. []
architektur@derStandard.at

Edoardo Gellner oder die Natur des Bauens: Es gilt einen mittlerweile 94-jährigen Pionier der Moderne neu zu ent- decken. Seine Ferien- kolonie für italienische Kinder der Nachkriegszeit wird zur Zeit restauriert und ist in einer Schau im Architekturforum Tirol zu sehen. Eine Begehung von Gabriele Reiterer.
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