"Haben Sie vor zurückzukehren?"

17. Oktober 2003, 20:41
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Als Vladimir Nabokov in den Zwanzigerjahren einer Engländerin erklärte, dass er natürlich weder für den Zaren noch für Lenin sei, antwortete sie: "Dann sind Sie also Trotzkist?" - Diese Anekdote überliefert die bedrückende Tatsache, dass Westeuropa, desinteressiert und beeinflusst von sowjetischer Propaganda, die Existenz einer liberalen russischen Intelligenz, für die der Kampf gegen den zaristische Despotismus ebenso selbstverständlich gewesen war wie der Widerstand gegen die Unterdrückung der Sowjets, hartnäckig ignorierte. Diese Intelligenz war es gewesen, die in der Februarrevolution den Sturz des Kaisers herbeigeführt hatte, sie war es auch, die nach dem Oktober 1917 ins Exil musste. Bis zum Zweiten Weltkrieg beherbergten Berlin, London und Paris Millionen russischer Flüchtlinge, darunter Schriftsteller von Weltrang wie Bely, Chodasewitsch, Sirin (der erst später in Amerika unter seinem richtigen Namen Vladimir Nabokov veröffentlichte) und den 1933 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Iwan Bunin.

Zu Bunins fünfzigstem Todestag hat der Schweizer Dörlemann Verlag nun zwei sehr unterschiedliche Texte dieses Spätimpressionisten und Tschechow-Schülers, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Swetlana Geier, herausgebracht: die Geschichte Ein unbekannter Freund und den Memoirenauszug Nobelpreis-Tage. Begrüßenswert wäre allerdings ein Vorwort mit einer Auskunft darüber gewesen, was zu gerade dieser Auswahl geführt hat; um Bunin von neuem einem größeren Publikum vorzustellen, wären Erzählungen wie Der Herr aus San Franzisko und Mitjas Liebe oder auch eine Neuausgabe seiner Erinnerungen vielleicht geeigneter gewesen.

In beiden vorliegenden Texten geht es um Problematik und Wesen der Schriftstellerexistenz. In Ein unbekannter Freund schreibt eine an die überreizten Frauenfiguren Hamsuns und Strindbergs erinnernde Verehrerin Briefe an einen ihr niemals antwortenden Autor; und erst am Ende, da sie geheilt beschließt, sein Schweigen als Antwort zu verstehen und weitere Kontaktaufnahmen zu unterlassen, begreift man, dass eben sein Verzicht auf eine Reaktion die richtige und einzig angemessene Entgegnung war, dass Bunin hier in unaufdringlichster Art mehr über das Ethos seines Berufes aussagt, als es jeder weitschweifige Essay vermocht hätte.

In Nobelpreis-Tage schildert er seine Reise nach Schweden zum Empfang des höchsten literarischen Preises. Es war das erste Mal seit Jahren, dass der nur durch einen Nansen-Pass geschützte Emigrant Frankreich verlassen konnte. Ganz unauffällig, versteckt zwischen malerischen Bildern verschneiter Winterlandschaften und hell erleuchteter Städte, und ohne Larmoyanz beschreibt Bunin dabei sein hoffnungsloses Exilantendasein: "Haben Sie vor", fragt ein Reporter, "jetzt nach Rußland zurückzukehren?" - "Aber mein Gott", so die schlichte Antwort, "warum sollte ich jetzt wieder zurückkehren können?"

Der Nobelpreis an Bunin rief einen Proteststurm prosowjetischer Journalisten hervor, deren Weltbild in etwa dem der Engländerin aus Nabokovs Anekdote entsprach. Noch in den Vierzigerjahren notierte Ernst Bloch auf die Nachricht, dass Bunin im besetzten Frankreich von der Gestapo scharf verhört würde, es sei schön, wenn das Richtige den Richtigen treffe. Wenig später galt Bloch als großer politischer Denker, und Bunin, der 1953 arm und einsam in Paris starb, war fast vergessen. Man kann hoffen, dass die Zeit solche Missverhältnisse richtig stellt. []

Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund. € 15,-/72 Seiten. Dörlemannn, Zürich 2003.

Ein schmaler Band Iwan Bunin, zum fünfzigsten Todestag des Nobelpreisträgers Von Daniel Kehlmann
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