"Das Bedrohungsszenario war nicht vorhanden"

17. Oktober 2003, 20:41
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Wer eine stringente Dekonstruktion der "Scheinwelten" um die zentralen Gründe für den "pre-emptive war", den "vorbeugenden Krieg" gegen das menschenverachtende Terrorregime Saddam Husseins im Irak sucht, sollte rasch dieses Buch lesen. Mit einer beeindruckenden Quellendichte rekonstruiert Gudrun Harrer die Argumentationswelten von US-amerikanischen, britischen und anderen Politikern und Diplomaten bezüglich der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak (vgl. dazu "Das aktuelle Buch", STANDARD vom 9. Oktober).

Als geschulte Journalistin hilft die Leiterin der Außenpolitik im STANDARD dem Laien, die komplizierte Welt der Wissenschafter und ihrer geheimen Sprachcodes zum heißen Eisen der Massenvernichtungswaffen im Irak zu verstehen und zu entschlüsseln.

Stark in der Analyse der Fakten und Berichte, vor allem aber auch beeindruckend in der Verwendung eigener Hintergrundgespräche mit führenden Mitgliedern der Internationalen Atomenergiebehörde und einzelnen Atominspektoren, aber auch mit zahlreichen Kontaktpersonen aus dem arabischen Raum, lässt die Autorin nicht mehr viel von diesem einst zentralen Argument zur Rechtfertigung der Intervention ohne UN-Mandat vor den Wählerinnen und Wählern in den USA und in Großbritannien über - außer einem demokratiepolitisch höchst üblen Nachgeschmack.

Aber Gudrun Harrer versucht auch, den Irak-Krieg im Kontext der internationalen Politik vor und nach dem Golfkrieg 1991 zu erklären, und schont weder die involvierten global players noch die soft power Europa. Wer sich eine Rehabilitierung des diktatorischen Regimes erhofft, wird massiv enttäuscht werden - immer wieder wird beispielsweise die Frage thematisiert, warum das Regime im Irak trotz der inzwischen offensichtlicher werdenden Abrüstung im Massenvernichtungsbereich nur auf massiven Druck kooperierte und gebetsmühlenartig Hans Blix, dem schwedischen Leiter der UN Monitoring, Verification und Inspection Commission, Sand in die Augen streute. Die auch für die Autorin letztlich überraschende Erkenntnis aus ihrer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Konfliktraum um den Irak war, dass aus militär-strategischer Sicht letztlich selbst die vermutete Existenz bestimmter Quantitäten an B- und C-Waffen die militärische Schwäche des Iraks gegenüber den US-Streitkräften und ihren Verbündeten in diesem Bereich - abgesehen von der tragischen Komponente von Menschenverlusten - keineswegs aufgewogen hätte.

Ohne die Grundausgangslage, dass das Regime im Irak Atomwaffen und auch B- und C-Waffen anstrebte, zu verniedlichen, kommt Harrer zu dem Schluss, "dass das akute Bedrohungsszenario, mit dem die Regierungen von George Bush und Tony Blair im Winter 2002/ 2003 die Welt auf einen Krieg einzustimmen versuchten, schlicht nicht vorhanden war, und das nicht nur im nuklearen Bereich: Es gab entweder gar keine einsetzbaren Massenvernichtungswaffen, oder Saddam Hussein hatte keine Absicht, diese Waffen einzusetzen, obwohl ein Angriffskrieg gegen ihn geführt wurde."

Zentral in ihren Bewertung ist die Frage, wie Expertenwissen (es sind übrigens fast ausschließlich Männer, die in diese Auseinandersetzung involviert sind) unterschiedlich diesseits und jenseits des Atlantiks und in Großbritannien gelesen werden konnte, aber auch, welchem medialen und politischen Druck die wenigen Fachleute mit konkreter Erfahrung vor Ort ausgesetzt wurden und auch heute noch werden.

Seit dem Abschluss des Manuskripts im August 2003, das trotz Zeitdruck auf einer an jeder Stelle des Buches lesbaren dichten Vorrecherche und jahrzehntelanger Erfahrung der Autorin, einer studierten Arabistin, beruht, wird fast jeden Tag ein neuer Mosaikstein bekannt, der die Argumentation von Frau Harrer stützt und vertieft (zuletzt hat der im Buch kritisch beleuchtete Ex-US-Atomwaffeninspektor David Kay dazu beigetragen, aber gleichzeitig die Suche nach den Smoking Guns verlängert und der Politik eine Atempause verschafft).

Gegen Ende des Buches blendet die Autorin wieder in die 1980er und 1990er-Jahre zurück, mit den Windungen in der US-Irakpolitik seit Ronald Reagan, als selbst die Giftgasangriffe auf irakische Kurden 1988 keine Änderung in der Einschätzung Saddam Husseins brachte: "Als ungeliebter, aber manchmal sehr nützlicher Faktor in der Region ... Er war das Bollwerk gegen den Islamismus."

Etwas zu sehr in den Hintergrund wird die meiner Meinung nach zentrale Rolle Tony Blairs für die mediale Strategie der Bush-Administration gerückt, den Krieg als "alliierten und gerechten Krieg" mit Anklängen an das historische Gedächtnis über den Zweiten Weltkrieg zu verkaufen. Hingegen wird neuerlich an die öffentliche ideologische Vorbereitung des die Grundfesten des Völkerrechts erschütternden "pre-emptive war" gegen den Irak erinnert - durch die geistigen Träger des "Project for the New American Century" wie Perle, Wolfowitz, Kagan, Zalmay Khalilzad und auch Donald Rumsfeld in einem Schreiben an den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton im Jänner 1998; eine Intervention und Kampagne, die durchaus auch Folgen zeigte - noch vor dem Regierungswechsel.

Wichtig ist abschließend festzuhalten, dass die Autorin als erfahrene Analytikern des Raumes immer wieder die Wechselbeziehungen der Auseinandersetzung um den Irak mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt nicht aus den Augen verliert. Mit einem Wort, ein Buch, das der inzwischen häufig geschmähten "Venus" Europa durchaus Ehre macht und von der Kaganschen Metaphorik "Mars" (= USA) nicht viel übrig lässt - vor allem was die für große "Feldherren" essenzielle Fähigkeit der Analyse von Expertenberichten, Geheimdienstanalysen und militärstrategischen Beurteilungen betrifft. Es wäre nur zu hoffen, dass dieses handliche Buch so rasch wie möglich in englischer Sprache erscheint, um die inzwischen beginnende Rückkehr der Aufklärung in US- und britischen Medien und in der Politik mitzutragen. []

Gudrun Harrer, Kriegs-Gründe. Versuch über den Irak Krieg. € 9,80/170 Seiten. Mandelbaum, Wien 2003.

Oliver Rathkolb ist Zeithistoriker und Universitäts-
dozent.

Konflikte und ihre Verantwortlichen haben eine eigene Logik - und eine eigene Wirklichkeit. Gudrun Harrer beleuchtet in ihrem Essay die Gründe, die hinter dem Irakkrieg standen. Von Oliver Rathkolb
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