Kennen Sie den wahren Oscar Bronner?

17. Oktober 2003, 22:09
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Fortsetzung: Mischa Jäger und Claus Philipp im Gespräch mit ihrem Herausgeber über den langen Weg von New York zu einer heimischen "NY Times"

... Fortsetzung

Sie haben 1999 bei einer Rede bei der Frankfurter Buchmesse gesagt, DER STANDARD sollte für seine Leser eine Art Familienmitglied werden. Wie würden Sie die Familie beschreiben? Was hat DER STANDARD dazu beigetragen, dass sich die heimische Öffentlichkeit verändert hat?
Bronner: Ich habe nicht die Illusion, dass man als Journalist etwas verändern kann. Die Veränderung, die ich allenfalls vorhatte, war eine der öffentlichen Rezeption. Da habe ich mitgewirkt. Das ist aber nicht so festzumachen, dass ich mit der Zeitung erreichen wollte, dass der Herr X oder die Partei Y forciert oder behindert wird. Das ist für mich nicht Journalismus. Ich will niemandem etwas vorkauen, ich will niemanden beeinflussen. Ich will, dass der Leser, die Leserin für die Entscheidungen, die er oder sie trifft, über qualifiziertere Information verfügt, als es ohne meine Tätigkeit der Fall wäre. Mehr Anspruch habe ich nicht.

Ein Anzeichen für eine Veränderung ist wohl auch, dass wir mehr Leser fanden, als am Anfang erwartet wurde.
Bronner: Diese Entwicklung reicht aber weiter, glaube ich. Auch die anderen Zeitungen haben sich durch den STANDARD geändert. Gewisse Dinge gehen heute nicht mehr, wie sie damals gegangen sind. Auch in anderen Medien findet heute mehr an Dialog mit den Lesern statt als früher, als es immer irgendeine geheime Agenda gab. Auch Rundfunk und Fernsehen waren Wurmfortsätze der Politik, noch ärger als heute. Es war kein Zufall, dass ich in meiner Jugend in einer winzigen Zeitschrift namens Forum geschrieben habe, weil dort gewisse Rücksichtnahmen nicht stattfinden mussten. Aber das hatte eine Auflage von ein paar hundert Stück. Dass ein Medium in dieser Unabhängigkeit und ohne Rücksicht auf niedrige Instinkte ein breiteres Publikum ansprechen kann, schien nicht denkbar, und das war erstmals realisiert durch trend und profil.

Wobei das Profil sich stark über die Schienen des Aufdeckungsjournalismus etablierte ...
Bronner: Da sind wir mehr oder weniger hineingestolpert, haben frech und respektlos über Mächtige geschrieben, einige Beschlagnahmungen eingeheimst und Prozesse, und plötzlich hat sich herumgesprochen: Da gibt es eine Adresse, an die man sich wenden kann, wenn man jahrelang vergebens irgend einen Missstand kritisieren wollte. Ganze Dossiers sind da eingetrudelt. Wir haben das halt nachrecherchiert und abgedruckt. Es war einfach ein Nebeneffekt unserer Unabhängigkeit. Nach einiger Zeit erst wurde es systematisch behandelt. Das aufklärende Element ist meine Hauptmotivation, Journalismus zu betreiben. Wenn es notwendig ist, dann auch Aufdeckung, aber das ist nicht das Primäre.

Jetzt könnte man sagen, dass es in den 15 Jahren STANDARD genug Anlässe in der österreichischen Politik und Medienpolitik gegeben hat, die Ihnen im Nachhinein Recht gegeben haben, darin, dass DER STANDARD notwendig ist für dieses Land. Wo sehen Sie derzeit Vereinnahmungen?
Bronner: Wir müssen unseren Kurs gehen als von allen Interessengruppierungen unabhängige Zeitung, auch wenn andere einseitig sind. Die Versuchung und die Gefahr, "Gegengewicht" zu sein, ist ja durchaus präsent. Auch weil die Leute, die uns als Podium benutzen wollen, uns als einzige Möglichkeit sehen. Und weil andererseits manche derer, die ohnehin andere Organe bedienen, nicht die Notwendigkeit empfinden, mit uns zu reden. Aber wichtig ist, dass wir wissen, was wir wollen. Wir wollen eine unabhängige Zeitung sein, die keine Agenda hat, die für alle Seiten innerhalb eines gewissen Spektrums offen ist. Von diesem Weg darf man sich nicht abbringen lassen. Man darf nicht in den Automatismus verfallen, wenn die anderen eine gewisse Meinung haben, selber deswegen die Gegenmeinung zu vertreten.

Was ist dem
STANDARD dabei bis dato gelungen?
Bronner: Für eine wache Gruppe von kritischen Leserinnen und Lesern stellt DER STANDARD etwas Verlässliches dar. Die wissen, dass sie bei uns nicht angelogen werden. Auch wir machen Fehler und sind dann die Ersten, die sie eingestehen. Das ist mir sehr wichtig. Wo Menschen arbeiten, passieren nun einmal Fehler, da darf man sich nicht versteifen. Menschen, die glauben, von uns ungerecht behandelt zu werden, haben die Möglichkeit zu antworten. Dieses Element des fairen Umgangs zwischen Journalisten und Publikum macht, glaube ich, unsere Glaubwürdigkeit aus.

Nun legen Sie immer wieder den Finger auf die offene Wunde einer nicht existenten oder halbherzigen Medienpolitik. Sehen Sie bis dato Ihr Unterfangen als gescheitert, die Politiker diesbezüglich zu überzeugen?
Bronner: Die Politiker müssen gar nicht überzeugt werden. Sie wissen, dass das in Österreich falsch läuft. Es gibt halt nur manche Politiker, die davon profitieren. Oder durchaus bereit sind, sich zu arrangieren. Und mittlerweile ist die Marktkonzentration so, dass ein Politiker schon sehr mutig sein muss, um sich dagegen auszusprechen. Insofern ist wahrscheinlich der point of no return bereits überschritten. Was uns aber nicht daran hindern darf, trotzdem auf das hinzuweisen, was wichtig wäre, und es auch einzufordern. Wer weiß, vielleicht gibt es einmal eine glückliche Konstellation, die neue Möglichkeiten schafft, dass sich das ändert. Vielleicht über die EU. Aber ich bin nicht bereit, da mit den Wölfen mitzuheulen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass aus dem aktuellen Konflikt WAZ versus Dichand eine verbesserte Konstellation herauskommen könnte?
Bronner: Was immer die agierenden Personen bei diesem Konflikt antreibt: Ich glaube nicht, dass eine verminderte Marktkonzentration zu den Motiven gehört und dass am Ende die Mediaprint aufgelöst wird. Diese Illusion habe ich nicht. Aber ein gewisser klärender Prozess ist möglich, und daher wünsche ich beiden Seiten bei der Auseinandersetzung viel Erfolg.

Was halten Sie für das größere Problem für die heimische Öffentlichkeit - das Dichand-Imperium oder den Fellner-Stadl?
Bronner: Mir liegen beide Formen nicht. Im Englischen sagt man, it's the choice between a rock and a hard place.

Zurück zu privaten Motivationen: Ist es schwer, den Künstler Bronner so lange hintanzuhalten?
Bronner: Das wäre wieder die Frage nach dem wahren Oscar Bronner: Auf der Recherche bin ich immer noch. Kein Mensch ist nur eindimensional. Bei mir war das Malen eine große Leidenschaft und es lässt sich schwer sagen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn der Armin Turnher meinen Wunsch erfüllt hätte und eine Tageszeitung gemacht hätte. Ja, das Malen geht mir ab, ich habe vor, eines Tages wieder zu malen, aber ich habe auch gewusst, dass ich mich da auf ein langfristiges Projekt einlasse und habe nicht vor, mich in absehbarer Zeit davor zu drücken. Erst recht nicht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. So muss ich diesen Wunsch weiter aufschieben.
Bei der Zehn-Jahres-Feier der Zeitung haben Sie gesagt, Sie geben sich weitere zehn Jahre STANDARD ...
Bronner: Das wären jetzt noch fünf Jahre, so unrealistisch ist das gar nicht. Als ich trend und profil gegründet habe, konnte ich mir nicht vorstellen, eines Tages etwas anderes zu machen. Dann habe ich 13 Jahre in New York gelebt und gemalt und konnte mir nicht vorstellen, je wieder was anderes zu machen. Und siehe da, jetzt mache ich eine Zeitung. Auf diesem seltsamen Weg habe ich gelernt, keine Prognosen mehr zu machen. Es hat auch einen gewissen Vorteil, wenn man einige Male vom eigenen Leben überrascht worden ist. Heute freue ich mich schon auf die nächste Überraschung.

Was fehlt Ihnen in der Zeitungsarbeit?

Bronner: Es hat vielleicht damit zu tun, dass ich die umgekehrte Seite der Medaille dessen erlebe, was Karl Marx mit Entfremdung umschreibt. Ich leite ein mittelgroßes Unternehmen, bin für einige Menschen verantwortlich, aber das, was ich tue, ist eigentlich sehr indirekt. Ich schaffe Möglichkeiten, dass andere sich verwirklichen können.

Das was mir fehlt, ist, dass man etwas macht, wo man von A bis Z zu hundert Prozent dafür verantwortlich ist. Wenn ein Bild gelingt - und es gibt viele misslungene Bilder -, schafft es eine ganz eigene Befriedigung, wie ich sie derzeit nicht erlebe, weil alles, was ich mache, sehr mittelbar ist. Es ist durchaus denkbar, dass ich, wenn mich aus den verantwortlichen Positionen - Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer - zurückziehe, gar nicht male, sondern schreibe. Aber ich könnte nur schreiben, wenn ich diese Verantwortungen nicht habe. Die blockieren mich halt.

Stichwort: Konkurrenz durch das Internet. Derzeit sind DER STANDARD und derStandard.at zwei von einander separierte Unternehmen. Erwarten Sie in Hinkunft eine Art stärkerer Verlinkung dieser beiden Bereiche?
Bronner: Ich würde das Thema anders angehen. Irgendein Zeitungsverleger hat einmal richtig gesagt: Ich bin nicht im Papier-, sondern im Nachrichtengeschäft. Mir sind die Inhalte der Zeitung wichtig, und mir ist relativ gleichgültig, auf welchem Transportweg es zum Rezipienten kommt. Es hat nur jeder Weg seine eigene Gesetzlichkeit.

Man kann Fernsehen schwer machen, ohne den breitesten Massengeschmack zu befriedigen. Das ist ein Widerspruch zu meinem Zugang zum Journalismus, daher habe ich mich mit Privatfernsehen nie wirklich beschäftigt. Was ich eine Zeit lang gehofft habe, ist, auch für das Fernsehen kleine intelligente Inseln zu bedienen. Da haben wir den einen oder anderen kleinen Versuch gestartet, waren jedoch nicht wahnsinnig erfolgreich. Mag sein, dass es an uns lag, mag auch sein, dass es an den Umfeldern lag; dass die, die privates Fernsehen machen, in diesem kleinen Markt wie Österreich viel zu sehr damit beschäftigt sein müssen, über Porno und ähnliche Hilfsmittel ans Massenpublikum zu kommen.

Aber das Internet zum Beispiel ist ein affines Medium für uns. Zum Glück sind wir da auch ziemlich gut unterwegs und zeigen, dass man so etwas auch erfolgreich machen kann ohne die diversen Pornoeinlagen, die manche betreiben. Ansonsten, wie sich der Transport weiterentwickeln wird, ob man sich eines Tages die Zeitung zu Hause selber ausdruckt, ob man sie überhaupt noch druckt, ob es eines Tage eine Folie gibt, die täglich aufgeladen und ausgetauscht wird, wo man dann die Zeitung über die Steckdose bekommt, das beobachte ich mit großem Interesse. Es ändert aber nichts am Grundkonzept dessen, was ich mache.

Schätzen Sie das Papier als das haptische Qualität einer Zeitung wirklich so gering?
Bronner: Überhaupt nicht! Aber ich registriere, dass es eine neue Generation gibt, der das nicht mehr so wichtig ist. Vor wenigen Jahren noch haben Kulturpessimisten gesagt, die jungen Leute lesen nichts mehr, schauen sich nur noch Bilder an und lassen sich vom Fernsehen berieseln. Plötzlich haben wir eine neue Generation von Eltern, die krampfhaft versuchen, ihre Kinder vom Internet wegzubringen. Was machen die dort die ganze Zeit? Sie entdecken das Kulturgut Lesen für sich neu! Anders als meine Generation, die das noch in der Schule gelernt hat und eine andere Form des sinnlichen Genusses damit erlebt, aber sie bewältigen Buchstaben, Wörter.

Ich bin mittlerweile 60, und ich nehme an, ich werde an einem Computerbildschirm dieses sinnliche Vergnügen beim Lesen nicht mehr entwickeln wie es die Kinder heute haben, aber darum geht es nicht. Primär wichtig ist nicht das sinnliche Vergnügen des Papiers, sondern das sinnliche Vergnügen der Gedanken, die darauf transportiert werden. Das, habe ich den Eindruck, entwickelt sich auf eine neue Art wieder, über das Internet, und ich bin begeistert davon.

Aber es ist doch in vielen Bereichen ein gröberer Keil?
Bronner: Teilweise. Ich lese mir auch gelegentlich die Postings durch und es zieht mir die Schuhe aus, was für Idiotien man da findet. Aber wenn man sich die Leserbriefe mancher Massenzeitungen anschaut, da sind die Schuhe schon längst ausgezogen. Ich registriere, dass es da eine neue Form der Kommunikation gibt, die auf Buchstaben basiert. Das ist das Wesentliche. Auch da wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Man kann natürlich kulturpessimistisch sagen, über das Internet würde Blödheit noch schneller transportiert als früher. Wie sagte Karl Kraus: Der größte Stiefel hat den höchsten Absatz. Das galt damals für das Gedruckte und das gilt heute für das Internet.

Wir, als Macher des STANDARD, sind stolz, wenn wir viele Leser haben, aber wir wissen gleichzeitig, dass wir mit Zeitungen unseres Typs nur eine Minderheit ansprechen. Und diese Minderheit - wir halten derzeit bei ungefähr sechs Prozent der Bevölkerung über 14 - kann man eben auch über das Internet erreichen, oder über eine künftige Form. Die Technik wird sich weiterentwickeln. Da warten noch einige Überraschungen auf uns. (DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.10.2003)

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