Ein lebendig begrabenes Volk

29. Oktober 2003, 19:51
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In Tschetschenien steht ein zweites Afghanistan vor der Tür - Ein Kommentar der anderen von André Glucksmann

Es gibt Menschen, deren Tod nicht schwerer wiegt als eine Feder. Sie gehören Völkern an, die völlig unbedeutend sind. Sie haben keine Rechte, sie dürfen nur eins: verschwinden. Aus unserem Bewusstsein und von unseren Fernsehschirmen sind sie bereits verschwunden, bevor sie von Panzern, Bomben und Anti-Personen- Minen ausgelöscht werden.

Absolute Isolation

Das Volk der Tschetschenen lebt in absoluter Isolation, ausgeliefert allein der blutigen Willkür der russischen Soldateska. Niemand – weder die Weltöffentlichkeit noch die UNO oder die so prinzipienstolzen Demokratien – prangert diese Morde an!

Annähernd eine Million Menschen

Die tschetschenische Nation umfasste annähernd eine Million Menschen. Zwischen 100.000 und 200.000 von ihnen sind gestorben, seit Wladimir Putin ihre Hauptstadt Grosny dem Erdboden gleichmachen ließ – und das kleine Land in eine Hölle verwandelte.

Gegenkandidaten bestochen, bedroht oder nicht zugelassen

Nun haben auf der verbrannten Erde "Präsidentschaftswahlen" stattgefunden, die Moskau organisiert hat. Der Kreml-Kandidat, "Wahlsieger" Achmed Kadyrow, genießt Rückhalt bei nur 13 Prozent der Bevölkerung. Seine Gegenkandidaten wurden bestochen, bedroht oder einfach nicht zur Wahl zugelassen. Und den Wählern, die an die Urnen gezwungen wurden, ist ohnehin bekannt, dass nicht die Wahlzettel entschieden haben, sondern die Männer, die sie auszählten. Niemanden kann diese Farce täuschen – nicht die Tschetschenen, nicht die Russen, nicht die Europäer. Dennoch erfüllte die schlampige Inszenierung ihre Zwecke: Indem der Kreml solche Wahlen organisiert, sendet er drei Botschaften aus.

Koloniale Kontinuität

Erstens gibt die Besatzungsmacht den Tschetschenen zu verstehen, dass sie diesen Krieg zu Ende führen wird. Verhandlungen mit nicht islamistischen Freiheitskämpfern und dem unter OSZE-Aufsicht gewählten Präsidenten Maschadow kommen nicht infrage. Zweitens setzt der Kreml die eigene Bevölkerung (die jüngsten Umfragen zufolge mehrheitlich für Verhandlungen mit Maschadow optiert) implizit unter Druck: Haltet ihr euch nicht an die Befehle, wird es euch wie den Rebellen ergehen. Zar Nikolaus I., Stalin und Putin eint eine Kontinuität: der Kolonialkrieg im Kaukasus, der unausweichlich in die Vernichtung der Tschetschenen mündet.

Tschetschenen stehen für Geist der Renitenz

Verwüstete Dörfer und Städte, Deportationen, Pogrome, "Säuberungen": Warum all dies? Die russische Literatur hat die Frage beantwortet. Es handelt sich um ein volkspädagogisches Projekt: Die Tschetschenen stehen für jenen Geist der Renitenz, den die Kreml-Herrscher von jeher brechen wollten. "Entweder er oder ich": Das ist es, was der Zar in Tolstois "Hadschi Murat" zum Ausdruck bringt, als man ihm den Kopf des Rebellenführers präsentiert.

Russische Diplomatie verhöhnt die Welt

Drittens wird die zivilisierte Welt von der russischen Diplomatie verhöhnt: Ja, so die Botschaft, die Wahlen verletzten den demokratischen Komment, aber ihr werdet die Augen schließen! Paris und Berlin bleiben fügsam – allzu bedacht darauf, in ihr illusorisches "Friedenslager" ein Russland einzugliedern, das einen der brutalsten Kriege des beginnenden 21. Jahrhunderts führt. Die EU, durstig nach Öl und Gas aus Russland, verrät ihre Prinzipien und kuscht. Washington verdrängt – zur Hälfte aus strategischem Kalkül, zur Hälfte aus Zynismus – die militärische und logistische Unterstützung, die Moskau Saddam Hussein gewährt hat.

Die demokratischen Regierungen sind schuldig

Die weltweite Kapitulation vor dem Gemetzel im Kaukasus ist ein Fehler. Die demokratischen Regierungen und die Millionen Antikriegsdemonstranten, die gegen Bush, nicht jedoch gegen Putin auf die Straßen gezogen sind: Sie sind schuldig, der Auslöschung eines Volkes zugesehen zu haben, ohne ihm zu helfen. Ahnen sie nicht, dass ein zweites Afghanistan vor der Tür steht?

In Ruinen lassen sich Gangster nieder

Erinnern wir uns: Innerhalb von zehn Jahren hat die Rote Armee Afghanistan zerstört. In den Ruinen ließen sich Gangster nieder, dann kamen die Taliban und Bin Laden. Der 11. September war das Ergebnis. Von der Ermordung Massuds bis zur Abkehr von Maschadow wiederholt sich nun die Tragödie: Wie lange wird es dauern, bis aus den Überlebenden der "Reinigungen" Selbstmordattentäter werden? Die terroristische Bedrohung lässt viele glauben, dass Putins Politik der "Endlösung" richtig sei: keine Tschetschenen – keine terroristische Bedrohung. Indem Pazifisten und Staatskanzleien schweigen, stellen sie dieser Politik den Blankoscheck aus.

Mit falschen Meldungen Fakten geschaffen

Fünf Monate lang wurde standhaft behauptet, in Bin Ladens Leibgarde seien auch Tschetschenen aktiv. Das Gerücht, von Moskau gestreut, wurde für bare Münze genommen. Nach der Niederlage der Taliban wurde kein einziger Tschetschene in Afghanistan entdeckt. Mit falschen Meldungen wurde eine scheinbare Notwendigkeit geschaffen: Putin sollte uns von der Gefahr erlösen. Noch immer warte ich auf ein selbstkritisches Eingeständnis der Medien, die so entschieden in ihrem Urteil waren. Die öffentliche Meinung hat den mörderischen Trieb der russischen Armee zu akzeptieren gelernt. Die weltweite Berichterstattung besänftigt unsere Skrupel: Nur ein toter Tschetschene ist ein guter Tschetschene. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2003)

Von André Glucksmann

Aus dem Französischen von Felix Müller

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    Der französische Philosoph André Glucksmann engagiert sich seit Jahren gegen Putins Tschetschenien-Politik; zuletzt erschien von ihm auf Deutsch: "Das Gute und das Böse. Ein deutsch-französi- scher Briefwechsel".

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