Was denken sich die Engländer eigentlich?

20. Oktober 2003, 18:54
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Warum man den Briten eines nicht abverlangen kann: die Anpassung an eine "europäische Meinung" - von Times-Redakteur Michael Binyon

Viele Europäer glauben, auf ihrem Kontinent gebe es zwei Arten öffentlicher Meinung: eine europäische und eine britische. Und was immer die Mehrheit der Menschen auf dem Festland denkt - die Briten denken offenbar genau das Gegenteil. Zumindest wird dieses Bild in den Medien vermittelt. Britische Kommentatoren sehen die Dinge aber nicht nur anders als die Kollegen auf dem Festland, sondern ziehen alles, was aus Paris, Berlin oder speziell aus Brüssel kommt, geradezu genussvoll durch den Kakao.

Woran liegt das? Vor 30 Jahren, als das Land dem Gemeinsamen Markt beitrat, waren die Briten noch Europa-Enthusiasten. Die öffentliche Meinung sah in Europa eine Zukunftsperspektive, eine Chance für mehr Wohlstand und einen willkommenen Ersatz für jenes Empire, das man eben verloren hatte. Heute sind sowohl Labour als auch die Konservativen Euroskeptiker - und entsprechend unglücklich mit der geplanten EU-Verfassung, die das Land ihrer Ansicht nach in eine Zwangsjacke der Überregulierung stecken wird.

Teilweise ist das natürlich ein Erbe von Maggie Thatcher, die der Idee einer supranationalen Macht nie etwas abgewinnen konnte, weil sie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (die die Union damals noch war) als Stützpfeiler jenes altmodischen Sozialismus betrachtete, den sie in Großbritannien selbst so vehement bekämpfte. Zum Teil spielte auch der zunehmende Einfluss des gemeinsamen Marktes auf das Alltagsleben und die parlamentarische Praxis eine Rolle. Und schließlich auch die Tatsache, dass die politischen Erfahrungen Europas und Großbritanniens so weit auseinander lagen.

Großbritannien war als Nation viel länger auf sich allein gestellt als alle anderen Länder. Im Gegensatz zu Frankreich oder Deutschland war es nie einer Eroberung oder Diktatur ausgesetzt und hatte daher großes Vertrauen in seine Verfassung. Und während etwa Belgien oder Italien die Union als Gegengewicht zu ihren eigenen schwachen Regierungen willkommen war, sah Großbritannien darin nur eine Konkurrenz zu seinem System, das seit Jahren stabile Verhältnisse garantierte.

Wilde Hunde

Aufgrund der schrecklichen Erfahrungen mit Faschismus, Besatzung und Kollaboration, kennt die kontinentale Öffentlichkeit die Gefahr des Extremismus gut und ist daher um Konsens bemüht. In Großbritannien ist genau das Gegenteil der Fall, weil es hier eine Tradition des gesunden Widerspruchs gibt, die politische Streitlust ebenso gefördert hat wie die Verachtung für Koalitionsregierungen.

Auf dem Kontinent sehen die Zeitungen ihre Funktion darin, Einigkeit zu fördern und nationale Institutionen zu unterstützen. Die britischen Journalisten betrachten sich als Wachhunde und Ermittler, die die Rechte des Einzelnen verteidigen und den Politikern auf die Zehen steigen. Von ihnen zu verlangen, eine "verantwortungsvolle" Haltung bei der Bildung einer europäischen Öffentlichkeit an den Tag zu legen, wäre lächerlich. Die britische Presse agiert eher wie eine Meute wilder Hunde, die nach jedem schnappen, der ein gutes Ziel abgibt. In den letzten Jahren war Europa so ein Ziel. Die machthungrige Brüssler Kommission (vor allem unter Jacques Delors), der Betrug in den EU-Institutionen, die Erfahrung, dass so viele Mitgliedsländer jene Regeln nicht einhalten, die sie selbst vorgegeben haben, Europas Unfähigkeit, eine gemeinsame Militärpolitik zu etablieren ... - all das hat dazu geführt, dass vielen Briten Bewegungen und Ideen europäischer Herkunft suspekt sind.

Steter Tropfen

Unter der Oberfläche geraten die Dinge aber langsam in Bewegung. Großbritannien wird europäischer im Habitus und im Lebensstil, was immer die Medien auch sagen mögen. Die öffentliche Meinung war in weiten Teilen Europas ebenso gegen den Irakkrieg wie in Großbritannien. Es gibt dieselben Vorbehalte gegen George Bush, dieselbe Offenheit gegenüber künftigen EU-Mitgliedern und dieselbe Sorge angesichts der Flut von Scheinasylanten.

Die meisten jungen Briten sind der Ansicht, dass die Lebensqualität - vor allem in Sachen Gesundheit, Bildung und Verkehr - auf dem Kontinent höher ist und begrüßen europäische Initiativen in diese Richtung. Vom Ideal eines allmächtigen supranationalen Staates halten sie allerdings noch immer nichts und von Bürokraten, die, ohne gewählt zu sein, in Brüssel schalten und walten, noch weniger. Aber selbst die Franzosen beginnen ja in dieser Frage langsam umzudenken.

Nur etwas ist paradox: Die britische Meinung (sogar die von Frau Thatcher) wird nach und nach Teil des europäischen Mainstreams. Je mehr die "Eurokraten" aber von "europäischer Meinung" reden, desto mehr sträubt man sich - nicht nur - in Großbritannien dagegen. Länder mit langer Souveränitätstradition passen sich nur langsam an: Bis Großbritannien den Euro akzeptiert, werden noch Jahre vergehen. Aber die dichte Vernetzung in Wirtschaft, Bildung, Sport, Tourismus und Jugendkultur führt zwangsläufig dazu, dass die Briten zunehmend so denken wie ihre Gegenspieler in Frankreich, Deutschland oder Österreich. Und ein Indiz dafür, dass Europa in die richtige Richtung geht, ist jedem Engländer vertraut: Fast alle sprechen Englisch. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2003)

Der Autor ist Chef des Auslandsressorts der Londoner "Times"
  • Artikelbild
    foto: screenshot/timesonline.co.uk
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