Das europäische Herz ist noch kalt

20. Oktober 2003, 18:54
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In Europa regiert der Interessensausgleich. Kann das schon alles sein? - Von Jan-Eric Peters

So viel ist leicht zu erkennen: Dass im STANDARD gute österreichische Europäer zu Werke gehen. Und dass sie es geschafft haben, ihre Leserschaft anzustecken mit ihrer Begeisterung fürs Große und Ganze, für Europa. Natürlich könnte es auch so gewesen sein, dass die STANDARD-Leser ihre Lieblingszeitung deshalb so mögen, weil sie selber schon europäisch dachten. Wie immer es war zwischen Huhn und Ei, zu beidem gratuliere ich gern - zu 15 Jahren STANDARD, und dass er sich in Österreich so gut an seine kluge Leserschaft verkauft.

Persönlich finde ich die Begeisterung für Europa deshalb so bewundernswert, weil die Sache doch eigentlich etwas Kaltherziges hat, etwas Technokratisches, Maschinelles, so schlosshaft Kafkaeskes wie die anonymen Verwaltungsgebäude in Brüssel. Was hören wir von dort? Von dort nehmen die Nationen Vorschriften in Empfang. Wie ein Helm sicherheitstechnisch auszusehen hat, was auf Molkereiproduktverpackungen vermerkt sein muss, was genau eine Schraube ist. Über 70 Prozent aller bayerischen Landesgesetze, stöhnte kürzlich ein Münchner Staatssekretär, müssten am EU-Recht entlang ausgerichtet werden.

Jede Handhabung, jede Norm und jedes europäische Gesetz ist voll von Vernunft. In Streitfällen war es dann wenigstens der vernünftigste Kompromiss. Unterm Strich müssen alle etwas davon haben. Dafür gibt es ein Wort - Interessenausgleich. Aber ist das schon alles? Soll das etwa Herz und Hand von uns Europäern sein?

Als die Schweden vor kurzem ihre Krone nicht hergeben wollten, als sie ihre Portemonnaies vor dem Euro verschlossen - da hat es in Deutschland viele gegeben, die das unvernünftig, aber sympathisch fanden. Dies steigerte sich beinahe schon zur Sentimentalität, als man las, wie sehr die Schweden zu ihren Mitschweden halten wollen, zu ihrem Land, ihrer Sprache, der Art ihrer Häuser und Städte, ihrer Ehrlichkeit,
ihrer Hilfsbereitschaft und natürlich ihrer guten Krone - und dass sie das alles, was einen guten, liebenswerten alten Schweden ausmacht, in Gefahr sahen, als der Euro auf sie zurollte.

Wann haben die Deutschen zum letzten Mal über die Schweden nachgedacht? Wem fiel auf, dass die Franzosen von den Spaniern nicht sonderlich gemocht, aber von den Italienern freudig umarmt werden? Aus Wien hörte ich neulich, dass die Österreicher sich neben den Deutschen für klein und provinziell hielten. Ich versichere Ihnen: Die Deutschen haben Manschetten vor den Österreichern, weil die ihnen - mal wieder typisch -, tüchtig und geschäftlich, geschickt oft einen Schritt voraus sind.

Wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte machen sich die Deutschen Gedanken über die Nachbarn in Europa: Die Italiener waren ein großes Thema, weil sie sich so wenig dafür interessieren, was ihr Regierungschef so treibt (von der Germanenschmähung aus dem italienischen Tourismusministerium ganz zu schweigen). Die britische Queen würde in Deutschland sofort als Staatsoberhaupt anerkannt; über das Schicksal von Tony Blair oder über den Kelly-Skandal wollen die Leser der Welt minutiös unterrichtet sein.

Es ist tatsächlich so, dass das Herz Europas ganz allmählich zu schlagen beginnt, wie es pulsiert und sich erwärmt, wie alle sich gegenseitig mit Neugier bedenken, beobachten, belächeln oder bewundern. Neues von nebenan, das liest man in guten Zeitungen nicht mehr hinten, das rückt nach vorn. Und zu den Feuersbrünsten in Spanien oder den Flutkatastrophen in Deutschland, zu Wahlen oder auch zur Moral von Krieg oder Frieden im Irak hoffen und fürchten grenzenlos alle mit.

Das tut gut zu wissen angesichts der Erpressungsmanöver in EU-Europa, der Quertreiberei, dem Sammeln von nationalen Pünktchen und Extrawürsten auf politischem Parkett. Diese Leute haben eine Erfrischung bitter nötig - eine Stärkung an der Großzügigkeit und der Sympathie, mit der sich die allermeisten in Europa zugetan sind. Die Menschen in Europa sind gute Europäer - das ist leicht aus Zeitungen wie der Welt oder dem STANDARD zu erfahren. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2003)

Jede Norm und jedes europäische Gesetz ist Produkt technokratischer Vernunft. Es regiert der Interessenausgleich. Doch die europäischen Bürger fragen: Kann das schon alles sein?

Jan-Eric Peters ist
Chefredakteur der in Berlin erscheinenden deutschen
Tageszeitung "Die Welt".
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