Ab in die Fremde

29. Oktober 2003, 19:51
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Peter Mayr über Schüssels Forderung nach einem verpflichtenden Auslandsaufenthalt für Studierende

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel will Österreichs Studierende zwangsweise ins Ausland schicken. Man solle ihnen verpflichtende Auslandssemester "in manchen Studiengängen" vorschreiben, sagte er am Freitag in Brüssel.

In Wien darf man über diesen Vorstoß rätseln. Welche Studien sind gemeint? Und vor allem, wer soll die Kosten für den kostspieligen Aufenthalt übernehmen? Studieren ist jetzt schon teuer genug. Ohne kräftige Finanzspritze des Bundes würde diese Verpflichtung genau zu jener Situation führen, die viele jetzt schon durch die Einführung der Studiengebühren gegeben sehen: zur beinharten sozialen Selektion.

Schüssels Gedankenspiel ist allerdings auch aus einem anderen, atmosphärischen Grund für den Forschungsstandort Österreich gefährlich. Einmal auf den Geschmack gekommen, könnte der Wunsch nach Rückkehr der Studierenden enden wollend sein. Die Liste jener, die über die schlechte Situation an den heimischen Unis klagen, wird täglich länger. Am Freitag reihten sich die fünf steirischen Rektoren ein. Sie klagten über Budgetkürzungen, sahen Engpässe bei Lehre und Forschung. Donnerstagabend trafen sich mehr als 14 junge Forscher und Forscherinnen bei den Wiener Grünen, um ihre Situation zu besprechen. Der Tenor: Junge Wissenschafter würden aufgrund der schlechten Forschungsbedingungen zum Abwandern ins Ausland gedrängt. Die Rückkehrchancen wären eher gering. "Man könnte bereits von Vertreibung reden", sagt einer der Jungforscher.

Wird Wolfgang Schüssels Welt Wirklichkeit, werden die Studierenden also wenigstens auf alte Bekannte treffen, auf all jene Kollegen, die aufgrund der tristen Situation in Österreich schon längst das Weite gesucht haben - quasi eine Wiedersehensfreude in Rot-Weiß-Rot. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2003)

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