Baritonale Verwandlung

20. Oktober 2003, 19:26
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Bryn Terfel singt in der Staatsopernpremiere von Giuseppe Verdis "Falstaff" die Titelpartie

Diesen Sonntag singt Bryn Terfel, seit seinem Salzburger Festspieldebüt als Jochanaan in der "Salome" von Richard Strauss (1992) Shootingstar der internationalen Baritonszene, in der Staatsopernpremiere von Giuseppe Verdis "Falstaff" die Titelpartie.

Wien - Ein Sänger singt, auch wenn er spricht. Und wären es nur die profanen Worte "just to the toilet", die aus Bryn Terfels Garderobe dringen. Nach über fünf Stunden Hauptprobe zur sonntägigen Falstaff-Premiere an der Staatsoper eine nur allzu verständlicher Wunsch. Schließlich sind Künstler auch nur Menschen. Und nicht nur die Figuren, die sie auf der Bühne darstellen.

Bryn Terfel stellt auch ganz ohne Kostüm und abgeschminkt in seiner Garderobe etwas dar. Man könnte den 38-jährigen Großbariton für einen in seiner walisischen Heimat erstandenen neolithischen Hünen halten, der die mächtigen Findlinge von Pentre Ifan türmte, oder für den Riesen, der vom Berg Cader Idris niederstieg, um Merlins Zauberkünste Bescheid weiß oder gar mit König Artus an der runden Tafel saß.

So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Terfel als politischer Mensch sehr entschieden für die Unabhängigkeit seiner Heimat Wales eintritt. Bei aller Anerkennung der "Benefits", die Wales durch seine Zugehörigkeit zum Kingdom hat, plädiert er für die Selbstständigkeit seiner Heimat nach schottischem Muster. Die eigene Sprache und die eigene Kultur sind seine Argumente.

Und wenn im nächsten Jahr in Cardiff das neue Opernhaus eröffnet wird, singt Terfel - Ehrensache - in der Eröffnungspremiere (Richard Wagners Fliegender Holländer) die Titelpartie.

Das Mythenerbe

Kann sein, dass dieses in seinem Unterbewussten gespeicherte walisische Mythenerbe seinem Gesang und seinen Gebärden die magische Eindringlichkeit verleiht, die seine Auftritte auch für hartgesottenste Opernfreaks immer wieder zum intensiven Erlebnis macht.

Und dieses breit gefächerte Un- und Unterbewusste ist möglicherweise das geistige und emotionale Kapital, aus dem Terfel schöpft, wenn er mit selbstbewusstem Stolz feststellt: "I don't do anything twice!" Womit er nicht meint, dass er jede Partie nur einmal in seiner Laufbahn singen möchte, sondern dass er ein und dieselbe Partie bei jedem seiner Auftritte anders gestaltet.

Dazu hat er eine eigene Strategie entwickelt: Er denkt, wenn er auf der Bühne steht, voraus und bahnt sich jeden Abend einen neuen Pfad durch den Dschungel der Bezüge, aus denen die Handlung gewoben ist. Das gelingt freilich nur mit einem bestens aufeinander eingespielten Ensemble, in dem jeder Einzelne auf neue Nuancen reagiert. Denn: "Es gibt keine Nebenrollen, auch die kleinste Partie ist eine Hauptpartie."

Gesund, glücklich

Sich jeden Abend auf ein neues Abenteuer einzulassen ist für Terfel allerdings nur unter einer Voraussetzung möglich: "You must be healthy and happy." Denn Terfel kann sein Befinden aus seinem Spiel und aus seinem Gesang nicht ausfiltern. Schwierigkeiten drücken auf die Form. Man ist unkonzentriert. Man vergisst den Text. Bei den Geburten seiner beiden Kinder stand er jedes Mal auf der Opernbühne. Einmal an der New Yorker Met. Einmal in Salzburg, allerdings nur bei einer Fidelio-Probe mit Dirigent Daniel Barenboim. Da ist es dann auch wieder das Ensemble, das ihm über solche - seltenen - Krisen hinweghilft. Schließlich wird man ja nicht täglich Vater.

Glaubwürdig vorleben

Auch nicht diesen Sonntag, wenn er an der Staatsoper den Falstaff singt. Da wird Bryn Terfel die seiner Ansicht nach dreifache Existenz dieser Gestalt schon glaubwürdig vorleben, zumal er ja alles in Giuseppe Verdis Partitur vorgegeben sieht: einmal den verzweifelten alten Mann.

Dann aber auch Falstaff, den gewandten Weltmann. Nach Terfels Meinung ist diese Facette so etwas wie ein Selbstporträt Verdis. So leicht, so charmant, so elegant wie die weltmännische Titelgestalt dürfte Verdi, damals ungefähr in Falstaffs Alter stehend, die Noten aufs Papier geworfen haben.

Und schließlich Falstaff, der Verführer - als ein solcher zum Jubel dürfte Terfel am Sonntag wohl auch fungieren.

(DER STANDARD; Printausgabe, 18.10.2003)

Peter Vujica

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