Die Abdichtung der Kunst gegen die Wirklichkeit

24. Oktober 2003, 23:52
posten

Das Münchner Landesgericht verbietet endgültig die Verbreitung von Maxim Billers Roman "Esra"

München - Leichter wäre manches, wenn die umständliche Realität sich als weniger schwankend und hübsch präzise definierbar erwiese. Dann hätte man Ordnung in Regalen und Akten und Klarheit im Urteil. So aber rauchen seit Jahrhunderten nicht der Dümmsten Köpfe über der Frage, wo Realität nun beginnt - in der Tat, im Kopf, seit Freud selbst im Traum, auf dem Papier - und wo sie aufhört, die Stafette übergibt an Schwester Fantasie.

Klarheit herrscht nur an der Isar. Immerhin. In der Kammer sieben des Münchner Landgerichts beispielsweise. Dort wurde vor zwei Monaten zumindest in Hinblick auf die Literatur Realität klar geschieden von Fiktion. Autobiografien, so dekretierte man in München resolut, zählten als Tatsachenbericht zur Sphäre der Realität, wären fortan dem Sachbuch zuzuordnen. Der Roman hingegen gilt, selbst in Bayern, als Fiktion.

Oder doch nicht? Just in München, einige Kammern weiter, wurde dieser Tage ein weiteres spektakuläres Urteil gefällt. Maxim Billers Roman Esra, so das jüngste Münchner Dekret, wird nun endgültig für den Handel gesperrt. Der Grund: Sein nachweisbar hoher Gehalt an Realität.

Der Fall beschäftigt die Gerichte seit dem Frühjahr. Im März hatten zwei Frauen, Mutter und Tochter, gegen Billers Buch geklagt. Sie sahen ihre Persönlichkeitsrechte durch den Roman verletzt, dessen Protagonistinnen ihnen allzu offensichtlich nachempfunden waren. Verifizierbare Details wie Straßennamen, die türkische Herkunft, der Beruf, errungene Preise, ließen eindeutige Rückschlüsse zu auf ihre reale Identität. Mehrfach war das Buch umgearbeitet worden, Ortsnamen gekürzt, Stellen geschwärzt.

Durch das Münchner Urteil sehen Beobachter nun die Freiheit der Kunst einmal mehr in Frage gestellt. Denn stimmt auch der moralische Hausverstand den beiden Frauen zu, die ihre Intimsphäre durch Billers autobiografischen Roman verletzt sehen, so bleibt anzunehmen, dass Vorbilder literarischer Entwürfe noch nie glücklich gewesen sein dürften über ihr verdichtetes Ebenmaß.

Unschwer vorzustellen, dass Franz Kafkas Erzeuger wenig entzückt war von dessen Brief an den Vater. Dass Gerhart Hauptmann das Bild, das Thomas Mann im Zauberberg von ihm zeichnete, wenig genoss.

Mag auch Biller kein Franz Kafka sein, kein Thomas Mann. Mag sein Liebesroman missglückt sein, durch Rachegelüste motiviert: Die Frage der Qualität kann in einem grundsätzlichen Urteil so wenig zählen wie jene nach der Motivation des Schreibens. Des Schriftstellers Waffe ist sein Wort und das Leben im Umfeld eines Autors bleibt, so gesehen, riskant.

Hinter dem Münchner Urteil steht vielmehr eine originär bajuwarisch klare Trennung von Realität und Fiktion. Fiktion dürfte demnach das Formen sein aus dem blauen Dunst der reinen Fantasie. Und Dichtung weniger das Verdichten realer Erfahrung als vielmehr die Abdichtung gegen die Wirklichkeit.

Anders wussten es schon die Griechen: Die Musen der Künste, so der Mythos, waren die Kinder von Mutter Mnemosyne und Vater Zeus: Erinnerung, gepaart mit Schaffenskraft. Doch das war im Ausland. Und nicht in Bayern. (DER STANDARD; Printausgabe, 18.10.2003)

von Cornelia Niedermeier
  • Artikelbild
    verlag
Share if you care.