Reportage: "Fuera USA! Amis raus!"

20. Oktober 2003, 14:35
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Die USA versuchen mit mäßigem Erfolg wieder eine Einflussnahme auf die außer Kontrolle geratene Situation im Land

"Fuera USA!" - Amis raus, prangt an einer Hausmauer an der Calle Arce, eine der Hauptverkehrsadern von La Paz. Wenige Blocks entfernt befindet sich der antennengespickte und für ein politisch relativ unbedeutendes Land wie Bolivien völlig überdimensionierte Betonbunker der US-Botschaft. Doch die wichtigsten US-Experten säßen jetzt woanders, schrieb die linke Wochenzeitung Pulso. Nämlich direkt im Büro des Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada, um die Repression der Demonstranten zu koordinieren. Die US-Agenten hätten vorgeschlagen, für die Einsätze gegen demonstrierende Indios im Hochland Rekruten aus dem Tiefland einzusetzen - die seien keine Stammesbrüder und hätten weniger Skrupel, hart durchzugreifen.

Dass die Regierung die Zeitung konfiszieren ließ, statt den Bericht zu dementieren, warf ein einschlägiges Licht auf sie. Der Skandal ist aber nicht, dass die USA jetzt offenbar auf zweifelhafte Weise versuchen, das Kind noch aus dem Brunnen zu retten, sondern dass die US-Politik großen Anteil an der verfahrenen Situation hat. Und nicht nur deshalb, weil der Auslöser der jetzigen Proteste (bisher kamen an die 80 Menschen ums Leben) der Export von bolivianischem Gas in die USA ist, sondern weil diese seit Jahrzehnten "ungeniert und ungeschickt in der bolivianischen Innenpolitik mitmischen", so ein europäischer Experte.

Das Interesse der USA dreht sich vorrangig um die Bodenschätze des Landes, das nach Venezuela auf dem Kontinent die größten Gasreserven hat. Und um Drogen. Die USA haben den Drogen den Krieg erklärt, und Bolivien gehört zu den Ländern, in denen seit Jahrhunderten der Kokastrauch angebaut wird. Für die indianische Urbevölkerung dienen seine Blätter medizinalen und rituellen Zwecken. Die Drogenmafia verwendet sie zur Herstellung von Kokain und zahlt dafür den verarmten Kleinbauern sehr lukrative Preise.

"Null-Koka-Politik"

Unter Lozadas Vorgänger, dem inzwischen verstorbenen Exdiktator Hugo Banzer, setzten die USA eine "Null-Koka-Politik" durch und drohten, andernfalls Entwicklungshilfe und Handelsvorteile zu streichen. Mit harter Hand gelang es dem ultrarechten Staatschef, die Anbaufläche drastisch zu reduzieren. Die Folge waren soziale Unruhen und eine Verarmung der Bevölkerung. 700 Mio. Dollar Deviseneinnahmen gingen dem Land so jährlich verloren. Der Antiamerikanismus fand neue Nahrung - und einen neuen Anführer: Evo Morales.

Der organisierte Kokabauern und Minenarbeiter. Als er vergangenen Sommer für die Präsidentschaft kandidierte, beschimpfte ihn der damalige US-Botschafter als "Taliban" und drohte mit dem Entzug von Entwicklungshilfe, sollte "der Drogenhändler" zum Staatschef gewählt werden.

Ohne den Segen der Amerikaner gewinnt man in Bolivien kaum Wahlen. So war auch Morales in der Stichwahl unterlegen, nachdem US-Diplomaten Jaime Paz Zamora von der linken MIR-Partei so lange bearbeiteten, bis er seinem Erzrivalen Lozada Unterstützung zusagte.

Der ist in La Paz inzwischen als "Schlächter" verschrien. Der Opposition wirft er vor, sie wolle eine "Narkodemokratie" errichten. Deren Führer forderten weiter seinen Rücktritt, der Generalstreik gehe weiter. Im von Straßenblockaden eingeschlossenen La Paz indes werden sogar in Spitzenhotels die Lebensmittel knapp. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2003)

Über Jahrzehnte haben die Amerikaner Bolivien "ungeniert und ungeschickt" in eine ausweglose Lage manövriert, sagen europäische Beobachter. Jetzt versuchen die USA offenbar wieder die außer Kontrolle geratene Situation im Land zu beeinflussen. Mit mäßigem Erfolg. Die Proteste gegen Präsident Sánchez de Lozada halten an.

Sandra Weiss aus La Paz
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