Studium in der Ferne

29. Oktober 2003, 17:35
14 Postings

Schüssel will verpflichtenden Auslandsaufenthalt

Wien/Brüssel - Bundeskanzler Wolfgang Schüssel will Österreichs Studenten zwangsweise in die Fremde schicken: "Ich glaube, dass man verpflichtende Auslandssemester in manchen Studiengängen vorschreiben müsste", sagte er am Rande des EU-Gipfels am Freitag in Brüssel. Schüssel sieht dies als Teil der EU-Initiative für mehr Wachstum in der EU, das auch durch Investitionen in die Bildung gefördert werden soll.

Vom STANDARD mit dem Vorstoß Schüssels konfrontiert, gab sich Rektorenchef Georg Wincker zurückhaltend: "Initiativen zur Internationalisierung der Studien sind grundsätzlich zu begrüßen. Das Interesse an einem Auslandssemester soll gefördert werden, letztlich aber die Entscheidung des Einzelnen bleiben."

Gerade die geringen Investitionen bereiten auch den Forschern in der Heimat Kopfzerbrechen. Donnerstagabend trafen sich mehr als 14 von ihnen auf Einladung der Wiener Grünen Wissenschaftssprecherin Claudia Sommer-Smolik im Wiener Rathaus, um über Probleme junger Forscher zu diskutieren.

"Ich sehe es als Überlebenskampf" sagt Helga Eberherr, die seit zweieinhalb Jahren als Stipendiatin am Institut für Höhere Studien (IHS) tätig ist. Die Soziologin befindet sich damit in einem "prekären" Dienstverhältnis ohne fixe Anstellung und Sozialversicherung - ein Problem, das sie mit vielen Kollegen teilt.

Lorenz Lassnig, ebenfalls Soziologe am IHS, betont: "Man könnte bereits von Vertreibung reden." Junge Wissenschafter würden aufgrund der schlechten Forschungsbedingungen ins Ausland gedrängt, die Chancen einer Rückkehr wären, gering.

In einem waren sich alle Teilnehmer einig: Schuld sei die verfehlte Wissenschaftspolitik der Regierung. Gelder würden vermehrt in die Bereiche Wirtschaft und Biotechnologie investiert, für andere Studienrichtungen bleibe kaum etwas übrig. Die Forscher hoffen da auf Unterstützung der Stadt Wien.

Kritik an den Budgetkürzungen des Bundes kam am Freitag auch von den fünf Rektoren der steirischen Universitäten. Der Handlungsspielraum der Hochschulen sei drastisch eingeschränkt: Es gibt bereits Engpässe bei Forschung und Lehre. (jwo, kmo/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2003)

Share if you care.