Gericht: "Ich bin tot, sie lebt"

19. Oktober 2003, 15:56
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Ehefrau vor den Augen der kleinen Töchter erschossen - dannach hat sich der eifersüchtige Ehemann der Polizei gestellt

Wien - Zu einem Mordprozess, dem die psychiatrische Diagnose "Eifersuchtswahn" vorauseilt, passt es, dass plötzlich eine Tür hinter dem Richter aufgeht, und ein verzweifelter Mann steht da und schreit: "Gibt es eine Möglichkeit, dass man das Gericht verlassen kann? Wo ist der Ausgang?" Ein vergessener Ersatzgeschworener hatte sich in den Gängen und Nebenräumen des Großen Schwurgerichtssaals verirrt.

In der Anklagebank senkt Mustafa G. den Kopf. "Sprechen Sie Deutsch?", fragt der Richter. "Nein", erwidert der in der Türkei geborene österreichische Staatsbürger. Er spricht überhaupt nicht mehr. Er sagt nur: "Ich bin schon ein toter Mann. Meine Frau ist nicht tot. Ich hab' mich umgebracht. Ich bin tot, sie lebt."

Ehefrau vor den Kindern erschossen

Das widerspricht diametral dem Erkenntnisstand der Anklagebehörde. Mustafa G. hat seine 33-jährige Ehefrau Sahide vor den Augen seiner beiden kleinen Töchter mit fünf Pistolenschüssen getötet. Davor hatte er seinen 13-jährigen Sohn zum Bäcker geschickt. Nach der Tat ist er in eine Moschee gegangen, um zu beten. Danach hat er sich der Polizei gestellt. Danach hat er sein Leben für beendet erklärt. In diesem Zustand befindet er sich seit zehn Monaten Untersuchungshaft.

Krankhafte Eifersuchtsideen

Die Staatsanwältin muss den Täter selbst als "Betroffenen" bezeichnen. "Es ist nicht möglich, ihn wegen Mordes zu verurteilen", entschuldigt sie sich bei den Laienrichtern. Denn ein Gutachten stellt ihm eine "paranoide Psychose zum Tatzeitpunkt" aus. "Er hat krankhafte Eifersuchtsideen, unverrückbare Gedanken", sagt der Psychiater. Er bildete sich ein, seine Frau hätte im Kellerabteil ein "Liebesnest" eingerichtet, und in der vermeintlichen Rumpelkammer befänden sich "Geräte für schöne Stunden für Geliebte". Einen älteren Verehrer seiner Frau, der ihr Deutsch beibringen wollte, verprügelte er mit einem Nudelwalker.

"Glauben Sie, dass Ihre Frau Sie betrogen hat?", fragt der Richter. "Ich will keine Stellung nehmen, mein Anwalt weiß alles, ich bin tot, das Gefängnis ist mein Grab", antwortet er. Er wird in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 18/19.10.2003)

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