Berechenbare Helden

24. Oktober 2003, 19:33
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Nachhaltig erfolgreiche Unternehmen leben eine Kultur vor, die vier Faktoren kombiniert - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Wer sich wiederholt, wird oft langweilig. Erklärt das vielleicht den verhaltenen Enthusiasmus für Michael Schumachers Leistung der Superlative? In zwölf Jahren hat er sechsmal den Formel-1-Titel erobert - davon viermal hintereinander mit Ferrari - und damit den legendären Juan Manuel Fangio überholt. Er hat die meisten Grandprix-Siege, WM-Punkte und Saisonsiege eingefahren und Ferrari nach 21 Jahren zur Siegesfähigkeit verholfen. Auch finanziell eine Spitzenleistung: Bei Sponsorenverträgen, Merchandising-Einnahmen, Umsatzzuwächsen für Ferrari und Übertragungserträgen für RTL. Der "be- rechenbare Held" hat uns gezeigt, wie man mit einer Kombination von Talent, gesundem Ehrgeiz, Beständigkeit, Geradlinigkeit und Professionalität Ausnahmeleistungen zur Regel macht.

Wie schwer nachhaltiger Erfolg nicht nur im Sport, sondern auch in der Wirtschaft ist, zeigt die gerade erscheinende Top-Perfomer-Studie von BCG: Nur ein Prozent der weltweit größten Unternehmen hat es geschafft, neun Jahre in Folge den Markt zu schlagen. Unternehmen wie Porsche, Samsung oder Canon gehören zur illustren Runde. Sie leben eine Kultur vor, die vier Faktoren kombiniert:

Langfristige Orientierung: Nachhaltigkeit braucht entsprechende Planungs- und Incentivesysteme. Wer von Quartal zu Quartal hechelt, verliert oft den Blick für das längerfristige Ziel. So war Wendelin Wiedeking einer der Ersten, der sich aktiv der Publikation von Quartalszahlen widersetzt hat, mit der Erklärung, dass diese den Rhythmus der Automobilindustrie nicht widerspiegeln. Die Sturheit des Chefs in diesem Punkt hat der Aktie nach allgemeiner Einschätzung nicht geschadet.

Fundierte Kompetenz: Schumachers Detail-Know-how als KFZ-Mechaniker verschaffte ihm Respekt bei seinem Team und ist die Basis für kontinuierliche Verbesserungen und überlegene Lösungen. Es ist kein Zufall, dass Top-Performer auf ein Geschäft bzw. eine Kernkompetenz fokussiert sind und diese dauernd perfektionieren: So schneiden die Gewinner des amerikanischen TQM-Preises drei mal so gut ab wie der Marktdurchschnitt. Innovationsdruck: Die wahre Kunst in der Formel 1 ist, den Wagen ständig weiterzuentwickeln und alle 14 Tage im Rennen zu testen. Wer dies systematischer und konsequenter macht, gewinnt. Erst die starke Konkurrenz von BMW und Bruder Ralf haben laut MS für den extra Kick gesorgt, noch besser zu werden. Innovationsdruck macht sich auch bei Canon oder 3M bezahlt: Sie erzielen über 30 Prozent des Umsatzes mit Produkten, die nicht älter als vier Jahre sind.

Zuverlässige Leidenschaft: "Ich möchte niemals zu langsam gewesen sein, nur weil ich mich nicht genug angestrengt habe", sagt Schumacher. Diesen Anspruch teilt sein Team und ist quasi genetisch verankert: Kreative Nonchalance wurde zu leidenschaftlicher Zuverlässigkeit. Gleiches lebt uns Toyota vor und gewinnt damit in allen Märkten. Dabei hilft Teamstabilität: So schafft es Southwest durch höchste Effizienz und Kundenbeliebtheit, den Wettbewerb zu schlagen. Mit nur 6,3 Prozent haben sie die niedrigste Fluktuationsrate der Branche. So glamourös die einmalige Leistung der Alinghi-Crew war, noch bewundernswerter ist die unglamouröse Nachhaltigkeit von Schumacher und dem Ferrari-Team. Talent, Emotion und Kraft `a la Montoya sind für die Initialzündung wichtig, können aber nur durch Analytik, Disziplin und Teamstärke stabilisiert werden. Sie garantieren den Dauerplatz auf dem Podest und nicht im Kiesbett. Wer permanent Spitzenleistungen erbringen will, braucht keinen Tiger im Tank, sondern System im Kopf.

Nachlese

->Ein amerikanischer Traum
->Die Kraft der Liebe
->Volkstheater Voest
->Manna vom Osten
->Es lebe die "Diktokratie"
->Goodbye Gurus?
->Wohlstand für viele Menschen
->Höchst gesunde Aussichten
->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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