"Vor zwei Jahren hätte Konjunkturpaket gewirkt"

20. Oktober 2003, 16:27
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Das EU-Konjunkturprogramm kommt für Wifo-Chef Helmut Kramer zu spät - Er plädiert im Standard-Gespräch mit Michael Bachner für höhere Bildungsinvestitionen in Österreich

Standard: Ist es für Konjunkturmaßnahmen nicht zu spät? Der nächste Aufschwung zeichnet sich doch bereits ab?

Kramer: Der ideale Weg wäre gewesen, wenn die EU gemeinsam Infrastruktur- und Forschungsprogramme schon vor zwei Jahren unterstützt hätte. Es schaut jetzt tatsächlich so aus, als ob solche Maßnahmen prozyklisch wirken könnten. Dann hat man lediglich einen neuen Beweis, warum Konjunkturpolitik nicht funktioniert. Vor zwei Jahren hätte es eine Wirkung gehabt.

Standard: Wir haben also auch in Österreich die nötigen Schritte verschlafen?

Kramer: Wir haben nicht wirklich geschlafen, aber die österreichische Politik hat es bewusst nicht getan. Sie hat durchaus richtig gesagt, wir machen längerfristige Strukturpolitik, aber keine Nachfragepolitik. Das halte ich für eine blödsinnige Polarisierung. Man kommt mit der Angebotspolitik unter Umständen nicht durch, wenn man nicht ausreichend Nachfrage hat.

Standard: Konkret heißt das?

Kramer: Zum Beispiel wenn man sagt, dass Arbeitsmarktflexibilisierung etwas brächte, aber man bringt es nicht durch, weil die Arbeitslosigkeit so und so schon hoch ist und die Kaufkraft fehlt.

Standard: Was halten sie in diesem Zusammenhang von der ÖGB-Forderung nach einer 35-Stunden-Woche?

Kramer: Da bin ich sehr skeptisch, ob die erhofften Wirkungen eintreten. Voller Lohnausgleich würde natürlich eine Kostenbelastung bedeuten. Auch haben wir bei bestimmten Qualifikationen Engpässe und ein Arbeitsüberangebot bei wenig Qualifizierten. Daran würde eine Verkürzung der Arbeitszeit gar nichts ändern, sondern die Situation sogar verschärfen.

Standard: Was also tun, gegen das Abrutschen Österreichs in internationalen Standortvergleichen und gegen das geringe Wirtschaftswachstum?

Kramer: Bei der konjunkturellen Wirkung von Steuerermäßigungen, so wünschenswert sie auch langfristig wären, wäre ich vorsichtig. Vernünftige Projekte in der Infrastruktur und vor allem in der Forschung und Bildung zu finanzieren, ist aber hochgradig sinnvoll. Bildung ist der zentrale Ansatz für eine positive längerfristige Entwicklung.

Standard: Warum liegt Österreichs Wirtschaftswachstum 2004 am Ende der EU-Skala?

Kramer: Das hat ganz sicher mit den Prognosen zu tun. Die jetzt noch höheren EU-Prognosen werden sicher nach unten revidiert. Österreich hat sich eigentlich ganz gut behauptet, angesichts des Umstandes, dass drei wesentliche Nachbarländer im Westen, nämlich Deutschland, die Schweiz und Italien, in der Rezession sind. (Der Standard, Printausgabe, 18.10.2003)

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