Zweifel am Kay-Bericht

19. Oktober 2003, 14:50
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Experten über Botulinumtoxin-Fund: "Nicht in Biowaffe umzuwandeln"

Washington - Ein von der US-Regierung als Beweis für das irakische Massenvernichtungsprogramm aufgeführtes Reagenzglas enthält nach Einschätzung amerikanischer Experten eine eher harmlose Chemikalie, die zudem legal aus den USA importiert wurde. Wie die "Los Angeles Times" am Freitag berichtete, handelt es sich bei dem im Irak gefundenen Botulinumtoxin um eine Variante, die praktisch nicht in eine Biowaffe umgewandelt werden kann.

Das Reagenzglas mit dem Botulinumtoxin war in dem Zwischenbericht des US-Waffeninspektors David Kay hervorgehoben worden. Präsident George W. Bush sowie sein Vize Dick Cheney hatten das Reagenzglas in Reden mehrfach als Beweis für ein irakisches Massenvernichtungsprogramm gewertet.

Lebensmittelvergiftung

Doch der amerikanische Waffenexperte und frühere UNO- Waffeninspekteur David Franz erklärte nach Angaben der Zeitung, bisher sei es niemandem gelungen, die als Botulinumtoxin B bekannte Variante der Substanz zu einer Biowaffe umzuwandeln. "Die Sowjets gaben es auf, und wir gaben es auf, weil wir es nicht als Waffe hinbekommen konnten." Die Substanz sei vermutlich in den 80er Jahren legal von einer US-Organisation an den Irak geliefert worden, berichtete die Zeitung.

Botulinumtoxin wird durch das Bakterium Clostridium botulinum freigesetzt. Beim sogenannten Botulismus handelt es sich um eine schwere, lebensbedrohliche Lebensmittelvergiftung. Sie wird durch den Verzehr von schlecht konservierten Lebensmitteln, die das Botulinumtoxin enthalten, ausgelöst. Die Beschwerden der Patienten beruhen auf der Hemmung der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln und äußern sich als Lähmung der betroffenen Muskelgruppen. Es kann zu einer tödlichen Lähmung der Atemmuskulatur und zum Herzstillstand kommen.

Therapeutische Wirkung

Wird das Gift kontrolliert beim Menschen eingesetzt, kann es therapeutische Wirkung haben, etwa bei bei Schluckstörungen, übermäßiger Schweißproduktion, in der Schmerztherapie oder bei Muskelzuckungen. In der in der Schönheitschirurgie wird es als Botox bei der Faltenbehandlung genutzt.

Bei einem möglichen Einsatz als biologische Waffe ist zwischen dem Bakterium selber und dem von ihm produzierten Botulinumtoxin zu unterscheiden. Da das Bakterium unter dem Einfluss von Sauerstoff, also an der Luft, nicht lebensfähig ist, entfällt ein Einsatz als Waffe. Das Botulinumtoxin, das zu den stärksten bekannten Giften überhaupt gehört, ist dagegen durchaus als Waffe einsetzbar. So würden bereits etwas mehr als 50 g ausreichen, um die gesamte tägliche Wassermenge der Stadt Berlin von ca. 590.000 m3 mit der tödlichen Menge von 0,1 Mikrogramm pro Liter zu verseuchen. (APA/dpa)

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    David Kays vermeintlicher Biowaffenfund: Phiolen mit Botulinumtoxin

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