"Jetzt fürchten alle um ihren Job"

21. Oktober 2003, 13:10
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Geht der Überstunden-boykott weiter, wird es ab 25. Oktober eng - Denn dann haben viele Eisenbahner ihre Monatsarbeitszeit erfüllt und die Überstundenuhr tickt

Wien - Es ist eiskalt am Südbahnhof. Nicht nur der durch Hallen und Gänge pfeifende Wind macht das Klima eisig, auch die Stimmung nähert sich dem Nullpunkt. "Früher hatten wir viel Spaß bei der Arbeit", sagt der aus Jugoslawien stammende Herr Esat, während er den Autoreisezug für die Abfahrt um 8.58 Uhr fertig macht. "Jetzt fürchten alle um ihren Job, und die Stimmung ist schlecht."

Herr Esat ist seit 25 Jahren bei der Bahn und in der Platzkoordination, Abteilung Wagenreinigung, tätig. "Wenn ein Streik kommt, machen wir mit, eh klar", pflichtet ihm sein Kollege in der gelben Montur bei. Ob der Überstundenboykott ein Umdenken bewirken werde? "Weiß ich nicht, vielleicht ist es dafür schon zu spät."

Angst nicht unberechtigt

Die Angst um den Job ist nicht unberechtigt, schließlich ist die Wagenreinigung einer der Bereiche, die als erstes Sparpotenzial genannt werden. Die Unternehmensleitung dementiert, überlegt werde lediglich die Auslagerung der Bahnhofsreinigung.

Ab 25. Oktober wird es eng werden, erwarten zwei Verschubarbeiter, denn dann sei ihr monatliches Stundensoll verbraucht, Ersatzarbeitskräfte seien aber rar. Informationen, wonach dann Züge stillstehen, weist die ÖBB zurück. Man werde umschichten, alle Züge würden fahren.

"Müssen's am Fahrplan nachschauen"

Ein Stockwerk tiefer, am Ostbahnhof, will eine ältere Dame wissen, wann die nächste S-Bahn nach Stadlau fährt. Auf den Anzeigetafeln fehlen die Abfahrtszeiten. "Müssen's am Fahrplan nachschauen", sagt ein vorbeieilender Eisenbahner schnippisch. Aus Kostengründen seien viele Zugzählanlagen eingespart worden, das spare teure Megabytes in der EDV, erklärt ein vorbeikommender Zugbegleiter.

Sozusagen Fleisch gewordener Ausdruck des Sparkurses ist eine Gruppe Uniformierter am Südbahngleis 11. Blaue Uniform mit grellgelben Schutzüberzügen und sichtlich neu im Job. "Das sind die Zugbegleiter von Wagon Lits", klärt ein Fahrdienstleiter auf. Die Herrenrunde mit Dame lauscht einem uniformierten Vortragenden, klettert in Waggons, besichtigt das Wageninnere - es wird eingeschult auf die ÖBB-Usancen.

90 davon sind in den Liege- und Schlafwagen im Einsatz, sagt ÖBB-Sprecher Michael Hlava. Der Bedarf sei entstanden, weil die bahneigenen Schlafwagenschaffner pensioniert und nicht nachbesetzt wurden. Der Vorteil dieser "Gastarbeiter": Sie sind 15 bis 20 Prozent billiger. Ob sie künftig auch im täglichen Reiseverkehr eingesetzt werden? Derzeit nicht geplant, sagt Hlava. Aber wenn die Gewerkschaft so unter Überstunden leide, werde man dies prüfen.

Servicequalität wird leiden

Herr Hans, Fahrdienstleiter, Mitte 30, seit bald 15 Jahren bei der ÖBB, hält dagegen, dass sich das Fremdpersonal mit Tarifen nicht auskenne. Darunter würde sicher die Servicequalität leiden. Für nicht praktikabel hält er auch die geplante Vierteilung von Absatz und Infrastruktur. Er spürt diese bereits am eigenen Leib, denn er macht für zwei gleichzeitig Dienst: Seine Zugansagen und Fahrplanauskünfte zahlt der Personenverkehr, für die Tätigkeit im Stellwerk die Infrastruktur.

Kommen die vier Aktiengesellschaften, fallen die Synergien weg. "Alles kann nicht eine Maschine übernehmen", glaubt Herr Hans, "wir sind ja ein Dienstleistungsbetrieb." Aber das zähle momentan nicht, jeder Bereich schaue, dass er so wenig Personal wie möglich beschäftigen müsse." (Luise Ungerboeck, der Standard, Printausgabe, 18.10.2003)

  • Es ist eiskalt am Südbahnhof. Nicht nur der durch Hallen und Gänge pfeifende Wind macht das Klima eisig, auch die Stimmung nähert sich dem Nullpunkt.
    foto: standard/cremer

    Es ist eiskalt am Südbahnhof. Nicht nur der durch Hallen und Gänge pfeifende Wind macht das Klima eisig, auch die Stimmung nähert sich dem Nullpunkt.

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