Der zweite Glaubenskrieg

27. Oktober 2003, 10:25
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Nachdem Microsoft gegen Apple durch Anpassung gewonnen hat, steht jetzt Linux vor der Tür - ein Bericht vom Match

Dem Schriftsteller Umberto Eco verdanken wir den Vergleich zwischen Apple und Microsoft als Glaubenskrieg zwischen katholischer und protestantischer Kirche. Eco zeichnete dieses Bild in den 80er-Jahren, und für ihn war Apple in seiner ganzen barocken Pracht des neuartigen Interface der katholische Kontrahent; Microsoft unter seiner damaligen kargen DOS-Oberfläche ganz Arbeit, also protestantisch.

Wie leidensfähig ist die Microsoft-Anhängerschaft?

Wir wissen natürlich, wie der erste Glaubenskrieg ausgegangen ist, nämlich mit einem Sieg des Katholizismus: Microsoft imitierte Apples grafische Benutzeroberfläche, war aber ein bissl weniger streng mit der reinen Lehre (den Regeln, unter denen Programme für das Betriebssystem geschrieben werden konnten). Diese Toleranz für die Sündenfälle menschlichen Handelns erlaubte es einer Heerschar missionierter Entwickler, Programme für Windows zu schreiben, auch wenn ihnen kleine Fehler anhafteten, während Apple an seiner Arroganz, den wahren Glauben zu besitzen, fast zugrunde ging. Heute ist Apple mit seinem Unix-Kern zwar eine hervorragende Alternative zu Windows, die Viren und Würmer weniger Löcher bietet, bleibt aber trotz anhaltender Wurmepidemien erstaunlicherweise ein Minderheitenglaube - es ist eben erstaunlich, wie leidensfähig die Christenheit ist.

Die reine Lehre namens Linux

Aber jetzt steht eine neue Schar junger Häretiker vor der Tür und fordert unter Berufung auf die reine Lehre namens Linux zur Abkehr vom falschen Glauben auf. Linux verspricht ewige Sicherheit vor Cra- shes, Bugs, Würmern und Viren und das alles, ganz in der Tradition asketischer Bettelorden, zum Nulltarif - dafür aber zu den Mühen, die wahrer Glaube von seinen Anhängern verlangt. Modernität hat eben ihren Preis, nämlich den der nächtelangen, intensiven Beschäftigung mit einem Betriebssystem, das sich für den Endverbraucher noch sehr sperrig darstellt.

Die Reaktion Microsofts auf den Bettelorden, der sich jedoch wärmster Sympathie durchaus vermögender Microsoft-Gegner wie IBM oder Oracle erfreut, mag paranoid erscheinen; immerhin sind mehr als 90 Prozent der Desktops dieser Welt fest in der Hand der Kirche aus Redmond. Aber Glaubenskriege brauchen ihre Zeit und haben unabsehbare Folgen, was keiner besser weiß als der Papst in Redmond. Als Getaufte des einen oder anderen Glaubens braucht uns das nicht zu verunsichern: Immerhin hat die Niederlage Apples in der ersten Runde dem Rest der Menschheit zumindest einen Teil der Wahrheit beschert. (Rondo, Der Standard Printausgabe 17.10.2003, Helmut Spudich)

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