Kälte

19. Oktober 2003, 21:21
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In der Früh wird einem plötzlich die Tuchent zu dünn. Der Experte im Radio spricht von leichtem Morgenfrost. Sein Kollege erzählt von der Londoner Stadtregierung, die jetzt aufräumen will mit dem Gesindel auf den Straßen. Man orientiert sich am erfolgreichen New Yorker Modell: "Zero Tolerance". Toleranz am Gefrierpunkt. In England hat man ein "Programm gegen unsoziales Verhalten" erarbeitet, zum Beispiel gegen "aggressives Betteln". - "Zero Tolerance", meine Herrschaften!

In den Wiener Straßenbahnen frieren die Fahrgäste. Die Heizungen sind noch nicht in Betrieb, es ist zu rasch zu kalt geworden. In den U-Bahn-Schächten ist Betteln per Lautsprecherdurchsage verboten. Auf der "Infoscreen"-Leinwand bitten Hilfsorganisationen um Decken und Schlafsäcke für Obdachlose. Das ist erlaubt.

An der Avanti-Tankstelle am Wiener Westbahnhof wollte Martin W. die Reifen des Kinderwagens seiner Tochter aufpumpen. Der Tankwart war dagegen. Die Tankstelle sei ausschließlich für Autos gedacht, "und wenn Sie nicht verschwinden, hole ich die Polizei!" Um Luft betteln, um Pumpen anpumpen: asozial. Zero Tolerance. Kalt ist es. Und das ist noch nicht einmal der Winter.
(Der Standard, Printausgabe 17.10.2003)

Von Daniel Glattauer
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