Das Gedächtnis in Kultur und Natur

21. Oktober 2003, 13:18
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Ein großer Abend des Ernst-Mach-Forums

Wien - Die Universität ist am Ende. Wie geht es weiter? Am besten außeruniversitär: Institutionen wie das IFK (Forschungsinstitut für Kulturwissenschaften) oder das neue Ernst-Mach-Forum in der Akademie der Wissenschaften versuchen noch, die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in Forschungsgesprächen zu überwinden.

Es war ein gewaltiger Publikumsandrang an diesem Mittwochabend, als das vom Kulturhistoriker Moritz Csáky initiierte "Mach-Forum" die besten Fachleute der "zwei Kulturen" zu einem transdisziplinären Gespräch zum Thema "Gedächtnis" geladen hatte. Es ist ja das Thema der Kulturwissenschaften, aber erst selten saßen auch Neurologen und Kybernetiker am gleichen Tisch. Und das verlief so:

Biologische Gedächtnisfläche

Der Wiener Neuropathologe Hans Lassmann rollte die biologische Gedächtnisfläche des etwa eineinhalb Kilogramm schweren menschlichen Gehirns auf. Hundert Milliarden Nervenzellen, deren Fortsätze entfaltet 700.000 km ergeben würden. Auf dieser "Hardware" sind Speichern und Abrufen aber unterschiedliche Prozesse mit unterschiedlich beteiligten Hirnregionen, wobei Speicherungen das Synapsensystem auch wieder umbauen. Es ist also eine höchst dynamische "Festplatte". Und während die Einspeicherung von Gedächtnisinhalten in Regionen erfolgt, ist an der Abrufung das Gesamtsystem beteiligt. Weshalb bei Schädigung das neue Aufnahmesystem leichter zerfällt als länger zuvor Abgelagertes.

Natürlich musste die beteiligte Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin gegen den Ausdruck "Hardware" protestieren, weil Physis und Psyche in Lebensgeschichten gegenseitig dynamisch sowohl zusammen- als auch gegeneinander wirken: Deckerinnerungen und Traumata überlagern und verschieben die biologische Grundlage. Da können sogar Denkmäler für Opfer zugleich dem Vergessen der Täter Vorschub leisten: Gedächtnis als "organisierte Amnesie"?

Beispiele für manipulierte Erinnerungen

Nun, der Kybernetiker Robert Trappl brachte Beispiele für manipulierte Erinnerungen aus einem Buch von Daniel Schacter ("The Seven Sins of Memory"): Ein Experiment etwa, in dem Versuchspersonen ihre Kindheitserinnerungen vorgelegt wurden, eine davon aber ein "Fake" war. Bei späterer Befragung erinnerten sie sich besonders an das Falsche als "echte" Erinnerung.

Der eigentliche "Star" des Abends, die literaturwissenschaftliche Gedächtnisforscherin Alaida Assmann, konnte hier gut die Ebenen zusammenführen, darauf verweisend, dass "Lerngedächtnis" das "Erfahrungsgedächtnis" eben auch umdrehen und Affekte überlagern kann.

Auch Assmanns Bild "Krypta" für die bleibende Präsenz von Traumata ist nachvollziehbar. Das war auch ein Brückenschlag zwischen Textwissenschaft, Psychoanalyse und Neurologie. Ernst Mach würde zufrieden in seinen Bart lächeln. (DER STANDARD, Print, 17.10.2003)

Richard Reichensperger
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