Lakritze als Waffe gegen Sars

21. Oktober 2003, 12:35
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Ein Wiener Unternehmen hat ein mögliches Mittel gegen Sars in der Pipeline - Wirkstoff soll auch bei Influenza und Grippe helfen

    Ein Wiener Unternehmen hat mit "Glycyrrhizin", einem Extrakt der Süßholzwurzel, aus der auch Lakritze hergestellt wird, ein mögliches Mittel gegen Sars in der Pipeline. Der Wirkstoff soll auch bei Influenza und Grippe helfen.

Wien - Im November 2002 traten die ersten Fälle von Sars in Südchina auf. Binnen weniger Wochen hatte sich das Schwere Akute Atemwegsyndrom über 29 Länder ausgebreitet: Mehr als 8000 Menschen waren mit dem Virus infiziert, 779 starben laut jüngster Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Dass die Lungenkrankheit den Sommer über auf natürliche Weise verschwunden sein könnte, glaubt man allerdings nicht. Die Gesundheitsbehörde in Peking rechnet vielmehr mit einem neuen Ausbruch in den nächsten Wochen. Eine Arznei gegen Sars gibt es aber noch nicht - zumindest noch keine zugelassene.

Entdeckung

Der Virologe Jindrich Cinatl und seine Kollegen von der Goethe-Universität in Frankfurt entdeckten, dass "Glycyrrhizin", das derzeit hauptsächlich gegen Hepathitis C eingesetzt wird, auch beim Sars-Coronavirus wirksam ist. Die Symptome fallen geringer aus, die Genesung schreitet schneller voran. Dies wurde in einer chinesischen Studie an 72 Personen bestätigt.

Der Wirkstoff Glycyrrhizin ist ein Extrakt der Süßholzwurzel. Da auch zur Herstellung von Lakritze Süßholz verwendet wird, könnte man fast behaupten, dass Naschen der Gesundheit dient. Aber man müsste schon Unmengen Lakritzstangen verdrücken, um Sars daran zu hindern, sich im Körper auszubreiten.

Die Frankfurter Forscher berichteten über ihre Erkenntnisse unlängst im renommierten britischen Medizinjournal The Lancet - und das Wiener Unternehmen Green Hills Biotechnology finanzierte ihnen im Gegenzug für die Lizenz das weltweite Patent.

Relativ hohe Dosierung

Die Dosierung von Glycyrrhizin muss allerdings - auch wenn sie keine negativen Auswirkungen hat - relativ hoch sein. Thomas Muster, Biotechnologe und wissenschaftlicher Geschäftsführer von Green Hills, arbeitet daher mit dem Team von Jindrich Cinatl und einer russischen Forschergruppe aus Ufa daran, wirksamere Derivate zu finden. Die ersten Versuche seien bereits viel versprechend, meint Muster. Eine Zulassung dürfte daher nur noch eine Frage der Zeit sein.

Breites Wirkspektrum

Da man heute aber nicht von einer definitiven Wiederkehr von Sars ausgehen kann und will, verfolgt Green Hills einen breiteren antiviralen Ansatz: Glycyrrhizin soll auch als Mittel gegen Influenza- und Rhinoviren (Verkühlung) entwickelt werden. Denkbar sei auch eine Kombination mit Elivir, einem noch experimentellen Mittel von Green Hills gegen Grippe, sagt Muster.

Ein wirklich verlässlicher Influenzaschutz konnte bisher noch nicht entwickelt werden. Denn auf der Membran des Virus steckt - neben zwei anderen Proteinen - das Hämagglutinin, das die tückische Eigenschaft hat, sich immer wieder zu verändern. Die WHO sammelt daher permanent Daten, um rechtzeitig Prognosen abgeben zu können, welche Virusstämme die nächste Epidemie auslösen dürften. Um gewappnet zu sein, muss man sich daher jedes Jahr aufs Neue impfen lassen. Und kann die Grippe trotzdem bekommen.

Ein therapeutisches Medikament wie Elivir - ein ähnliches namens Tamiflu, hergestellt vom Pharmakonzern Roche, ist bereits auf dem Markt - wird hingegen mit allen Mutanten fertig und ist auch bei Rhinoviren einsetzbar.

Versuchsreihe

Eine Elivir-Versuchsreihe mit Frettchen, die auf Grippe wie der Mensch reagieren, lieferte bereits äußerst positive Ergebnisse: Sie hatten lediglich an einem Tag Fieber, die Tiere der Kontrollgruppe hingegen, denen kein Medikament verabreicht wurde, an drei Tagen. Derzeit wird die Frettchenstudie wiederholt, danach will Green Hills um Zulassung zur klinischen Versuchsphase ansuchen.

Eine Toxikologiestudie, durchgeführt mit dem Forschungszentrum Seibersdorf, hat bereits ergeben, dass Elivir gut verträglich und nicht mutagen (krebserregend) ist. Wenn auch die nachfolgenden klinischen Studien am Menschen wunschgemäß verlaufen, könnte Elivir bis 2008 auf den Markt kommen. (DER STANDARD, Print, 17.10.2003)

Thomas Trenkler
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