Das Wunder von Leipzig

19. Oktober 2003, 21:13
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Blomstedt und das Gewandhausorchester

Wien - Hektik kennzeichnet den klassischen Konzertbetrieb der letzten Jahre, interpretatorische Hyperaktivität und Übertriebenheit. Die schnelleren Sätze werden so rapid angegangen, dass man meint, ein Werk im Schnelldurchlauf zu hören, Motive untergeordneter Wichtigkeit werden grell geschminkt aus dem vielfaltigen Kompositionsgesicht hervorgehoben.

Akzente mutieren zu Aufmerksamkeitshupen, kleine dynamische Schwellungen zu hysterischem Gekreische. Musik wird zum Hochleistungssport: Der Zuhörer, mit akustischen Reizen sonder Zahl beschossen, verlässt den Konzertsaal mehr beeindruckt als bereichert, mehr aufgeputscht als angeregt.

Nicht so bei Herbert Blomstedt. Der in den USA geborene Dirigent mit schwedischen Wurzeln - er geht mittlerweile in seine 50. Saison als Orchesterleiter - wühlt sich nicht pseudogenialisch in die Musik, er stellt sich auch nicht wichtigtuerisch vor sie, er lässt sie geschehen, koordiniert sie sacht mit Genauigkeit und Sorgfaltspflicht.

Das hört sich am Zeitungspapier mit Sicherheit fade an, im Konzertsaal aber überhaupt gar nicht. Blomstedt ließ in Zusammenarbeit mit dem Gewandhausorchester Leipzig im Konzerthaus Orchestrales von Brahms (Haydn-Variationen, 2. Symphonie) sich ereignen mit einer Ruhe, Wärme, Gediegenheit und auch Dezenz, dass man voll war von Glück.

Das Gewandhausorchester praktizierte einen analytisch wie emotional intelligenten Musizierstiel. Beeindruckend auch die stets maßvolle Musikalität der Deutschen: Verlässt man bei herausragenden Konzerten der Wiener Philharmoniker den Saal wahlweise besoffen oder zerstört, so fühlt man sich bei den Leipzigern erbaut und erfrischt.

Die 20-jährige Julia Fischer gab zwischen den zwei Brahms Dvoráks Violinkonzert mit imponierender Kraft und Präzision. Anne-Sophie Mutters geigerische Tochter? Könnte man so sagen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2003)

Von Stefan Ender
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