Filter in Zeiten der Unübersichtlichkeit

22. Oktober 2003, 14:08
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Die Sargfabrik führt als erster Szenebetrieb ein Abozyklus-System ein

Wien - "Wenn man in Plattenläden geht oder sich die Fülle des Konzertangebots vergegenwärtigt, sieht man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. In mir ist in den letzten Jahren das Bedürfnis gewachsen, dieses Dickicht zu lichten, zu erkunden, wo Pfade durch die Musiklandschaft verlaufen." Ernst Perbin-Vogls Idee klingt nicht revolutionär und bedeutet doch einen Paradigmenwechsel:

Als Geschäftsführer eines kleinen, gut beleumundeten Veranstalters namens Sargfabrik verordnet er diesem im Rahmen der Herbstsaison halbjährliche Abozyklen. Trotzdem "es zweifellos gute Gründe dafür gibt, dass das bislang kein Szeneveranstalter gemacht hat. Abosysteme haben lange Vorlaufzeiten, länger als jene Fristen, in denen in der Jazz-, Rock- und Weltmusikszene programmiert wird. Zudem sind in dieser Szene die Formationen kurzlebiger als im Klassikbetrieb. Wenn ich die Philharmoniker einlade, plane ich fünf Jahre im Voraus und weiß, die wird es in zehn Jahren auch noch geben. Aber ob eine Gruppe wie Primavera del Tango in zwei Jahren noch aktiv ist, weiß man nicht."

Es ist eine organisatorische Neuerung mit Indizcharakter: Mit dem Einführung spezialisierter Marketingstrategien aus der klassischen Musik verschwimmt die Wertehierarchie zwischen Hoch- und angeblicher unterhaltender Kultur weiter. Und in Anbetracht der zunehmenden Auflösung jener Distinktionskategorien wächst aufseiten des Publikums das Bedürfnis nach neuen Richtungsangaben, nach Filterung der postmodernen Unübersichtlichkeit durch den Veranstalter.

"Ich möchte auf diese Weise das Publikum binden und neues dazugewinnen, was ja für uns, die wir eher in der Peripherie angesiedelt sind, von besonderer Bedeutung ist", so Perbin-Vogl. Der Abonnementverkauf übertreffe bisher die Erwartungen. Als "Renner" habe sich unter den vier Zyklen die Reihe "Songs And Beyond" entwickelt, in der man sich der Kleinform des Liedes annimmt.

Die Subventionen

Mit den weiteren Schienen "Global - lokal", "Ostklangerweiterung, Simply More Than Jazz" - mit den prominenten Schwergewichten Don Byron (23. Oktober) und Oregon - führt man das Programm der Sargfabrik wie gewohnt in den Bereichen zwischen Jazz und "Weltmusik" fort. Glücklich wäre der 45-jährige Perbin-Vogl naturgemäß auch, wenn die öffentlichen Stellen diesen Versuch honorieren würden: Doch die Stadt Wien, die das Kulturprogramm immerhin mit 91.000 Euro pro Jahr an Grundförderung bedenkt, ist ebenso wenig für Projektförderung zu gewinnen, wie der Bund zu einem substanziellen Beitrag zu bewegen ist: Anno 2003 betrug dieser sage und schreibe 3000 Euro.

Doch Perbin-Vogl, gebürtiger Steirer, studierter Soziologe, der in Wien Ende der 80er-Jahre in Karl Ratzers Club Camarillo und im Rahmen der musikereigenen Agentur "Advanced Viennese Musicians", später bei den AKM tätig war, ist Realist und weiß, dass mit seinem Budget wohl nie große Sprünge möglich sein werden.

Dennoch hat er das Träumen nicht aufgegeben: "Nikolaus Harnoncourt hat in einem Interview einmal gesagt, dass er gerne das Schubert-Klaviertrio wieder spielen würde, weil er es noch nie gültig und gut interpretiert gehört hätte. Vielleicht wäre das ja etwas für die Sargfabrik."
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2003)

Von Andreas Felber

Infos: (01)98898-111

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