Analyse: Vom großen Elefanten und dem Reh

17. Oktober 2003, 17:50
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China und der Terror beunruhigen die Asean-Staaten - Bush startet Fernostreise - Mit Infografik

Wien/Bangkok - Die Vereinigung der südostasiatischen Staaten (Asean) hat ihren Radius bei ihrem Gipfel auf Bali vergangene Woche beträchtlich erweitert, die regionalen Großmächte China und Indien den "Freundschafts- und Kooperationsvertrag" von 1976 unterschreiben lassen und die Beschwichtigungen ihres mühsamen Mitgliedslandes Burma wegen der fortdauernden Drangsalierung der Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi geschluckt.

Gleichzeitig beginnt George W. Bush am Freitag eine Sechs-Staaten-Tour durch Asien und nach Australien und bekundet damit ein für einen US-Präsidenten ungewöhnliches Interesse an der Region. Was heißt das alles?

"China ist wie ein großer Elefant"

Südostasien hat heute zwei Sorgen: China und den Terrorismus. Chinas scheinbar grenzenlose Dynamik - weltweit größter Anzugspunkt von Auslandsinvestitionen mit 53 Milliarden Dollar 2002, acht bis neun Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr, mittlerweile Japans größter Handelspartner noch vor den USA - ist den Regierungen in Südostasien längst unheimlich geworden. "China ist wie ein großer Elefant und Asean wie ein Reh", soll Singapurs Premier Goh bei einer Konferenz der Zehn-Staaten-Organisation gesagt haben. "So freundlich der Elefant auch ist - wenn er hungrig wird oder umherzulaufen beginnt, sorgt sich das Reh. Wenn der Elefant gewalttätig wird, ist es noch beunruhigender."

Asean-Sicherheitscharta

Pekings Beitritt zum Asean- Vertrag von 1976, der Gewaltverzicht, Nichteinmischung und die Verpflichtung zur Beilegung von Konflikten mit friedlichen Mitteln festlegt, ist eine - wenn auch nur formale - Garantie für die Asean-Staaten, von denen einer - Vietnam - bereits einen kurzen Landkrieg geführt hatte und drei (Vietnam, Philippinen, Malaysia) mit China im Streit um die Spratly-Inseln liegen. Indiens Beitritt zur Asean-Sicherheitscharta gilt zudem als willkommene Balance.

Langfristig entscheidender für die Stabilität der Region sind wohl die Handelsabkommen von Bali. Bis 2010 wollen Asean und China eine Freihandelszone schaffen - 2015 ist das Stichjahr für Indien -, bis 2020 wollen die zehn Asean-Staaten (Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand, Philippinen, Brunei, Vietnam, Laos, Kambodscha, Burma) selbst eine Wirtschaftsgemeinschaft nach dem Modell der EU bilden.

Eigenregie

Ob die ehrgeizigen Pläne das Licht der Welt erblicken, steht auf einem anderen Blatt. Mit Zeitangaben und neuen Kommissionen ist die Asean, die neben einigen wackligen Demokratien eine Militärdiktatur, zwei kommunistische Regime und eine absolute Monarchie unter einen Schirm vereint, schnell bei der Hand. Singapur und Thailand verabredeten deshalb bereits in Eigenregie eine Liberalisierung ihres Handels.

Hier kommt auch US-Präsident Bush ins Spiel. Washington honorierte Singapurs Unterstützung für den Irakkrieg mit einem Freihandelsabkommen; Verhandlungen über weitere solcher bilateraler Abkommen dürften mit Bushs Reise abgeschlossen (Australien) oder zumindest angeschoben (China, Thailand) werden.

Dies ist auch eine Konsequenz aus der gescheiterten Welthandelskonferenz von Cancún vergangenen September. Auf dem Asien-Pazifik- Wirtschaftsgipfel (Apec) in Bangkok wird Bush eine Abwertung von Yen und Yuan fordern, politisch aber will der US-Präsident die Asean-Regierungen im Antiterrorkampf stärken: Thailand und die Philippinen erhalten offiziell den Status besonders enger Alliierter der USA. An der Terrorgefahr in der Region ändert es nichts - Bushs Besuch in Manila dauert nur acht Stunden, sein Bali-Abstecher wird wohl noch kürzer. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 10.2003)

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    Demonstranten protestieren in Okinawa gegen den geplanten Besuch von George W. Bush

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