Vivat Numerus autoselectus!

27. Oktober 2003, 18:29
13 Postings

Wie man der schlechten Alternative zwischen deutschem Numerus clausus und Prolongation des heimischen Numerus Darwinus entkommen könnte - Ein Kommentar der anderen von Wolfgang R. Langenbucher

Martina Salomons Kommentar zum Broukal- Vorstoß für eine Aufnahmelimitierung ("Trugbild freie Universität", Standard, 7.10.) verlangt eine inhaltliche Ausfüllung. Es besteht in der Tat Handlungsbedarf. Und da wir gerade wieder einmal mitten in einer Unireform sind, wäre der Zeitpunkt nicht schlecht gewählt.

An diesem Trugbild können wir nur dank einer Lebenslüge - oder wohl besser Berufslüge - festhalten: der oft nur als Karteileichen existierenden, exorbitanten Zahl der Erstinskribierten; der vergleichsweise nicht auch nur annähernd ebenso angestiegenen Absolventenzahl und schließlich der vielen von uns produzierten "Dropouts" - der Studienabbrecher. Der Numerus clausus in Deutschland ist kein Vorbild. Unumstritten ist aber doch, dass dort die Abbrecher/innenquote geringer ist als in Österreich. So gesehen sind unsere Zustände offensichtlich das Resultat eines "survival of the fittest", also einer Art "Numerus Darwinus".

Wenn wir bei hohen Zugangszahlen bleiben wollen, so sind beide Lösungen, die deutsche und die österreichische, nicht akzeptabel. Aber was wäre die Alternative?

In Deutschland ist vor einigen Jahren eine Diskussion aufgekommen, die an die Stelle der formalen Zulassung zum Studium durch das Abitur die Frage nach der konkreten "Studierfähigkeit" setzte. Einzelne Fächer erarbeiteten dafür Kriterienkataloge, um zu definieren, welche spezifischen Fertigkeiten und Kenntnisse den Zugang zum jeweiligen Fach ausmachen sollten. Wo und wie aber sollte diese Studierfähigkeit geprüft werden? Die fehlenden realisierbaren Antworten auf diese Frage brachten diese Diskussion bald wieder ins Stocken.

In Österreich können wir uns diese deutsche Diskussion ersparen! In Deutschland dauert das Abitur nämlich ein Jahr länger als die Matura hierzulande. Und genau dieses Jahr können wir nutzen, um den formalen Zugang mit einem inhaltlichen - eben dem Test der Studierfähigkeit - zu verbinden. So käme etwas zustande, was weder ein Numerus clausus noch ein Numerus Darwinus wäre, sondern so etwas wie ein Numerus selectus - basierend auf einem Jahr, in dem Studierende und Fach sich wechselseitig und auf rationaler Basis finden.

Schnupperstudium ´

Was wären die zu erwartenden Resultaten einer solchen Studieneingangsphase, inzwischen geläufig als STEP? Wir wissen, dass seit langem und auch heute noch sehr viele Maturantinnen und Maturanten orientierungslos auf die Universität kommen. Alle Versuche der Studienberatung haben sich bisher als nicht ausreichend erwiesen.

Die Lösung kann nur in der Universität gefunden werden: Nach einem mit Vorlesungen, Übungen, Praktika und Prüfungen durchstrukturierten Eingangsjahr dürfte es nur noch wenige geben, die nicht wissen, ob dies ihr Fach ist oder ob ihre Interessen auf ganz anderen Gebieten liegen. Und ebenso dürften viele der bisherigen - oft späten, an Jahren alten - "Dropouts" auf diese Weise schon nach einem Jahr zur Selbsterkenntnis gekommen sein, dass die Universität und ein wissenschaftliches Studium nicht ihr Lebens- und Bildungsziel sind.

Wer sich nach diesem Jahr in den einzelnen Disziplinen endgültig zum Studium entschließt, gehörte zu den aufgrund von Selbsttests wirklich Studierfähigen und -willigen. Es wären die, die dieses Studium mit höchster Wahrscheinlichkeit auch beenden wollen und können.

In der Summe wären die Resultate weder ein versteckter noch ein offener oder ein indirekter Numerus clausus, sondern eine Kombination von Matura und Schnupperstudium, eine drastisch gesenkte Abbrecherquote und eine ebenso ansteigende Absolventenquote, weil deren Berechnung nun vernünftige statistische Größen zugrunde liegen, ein Numerus autoselectus.

Wenn Matura oder Abitur nicht mehr die Garantie des Erfolg versprechenden Zugangs zur Universität darstellen, dann müssten wir uns freilich umstellen. Klaus Hurrelmann, Mitglied der nordrhein-westfälischen Bildungskommission, bringt diese Konsequenzen schon 1996 auf den Punkt: "Die Hochschulen müssen sich um Anfänger kümmern." In einer Atmosphäre gegenseitiger Vorwürfe und Missverständnisse zwischen Hochschulen und Gymnasien bzw. Oberschulen rät er: "Statt sich in kurzatmige Einfachlösungen zu flüchten, ist endlich eine konsequente Reform des Übergangs von der Schule in die Hochschule fällig. Beide Systeme müssen anschlussfähig füreinander gemacht werden und Vorkehrungen treffen, um den Wechsel nicht mit zu vielen Belastungen und Reibungsverlusten für die Übergänger zu verbinden." (aus: "Der Schlüssel zum Erfolg", Die Zeit, 19.7.96)

Achtung, Falle!

Auch für die Bildungsstatistik hätte das vernünftige Folgen: Wenn wir jeden Studienbeginner für einen ernst zu nehmenden Kandidaten für einen Abschluss nach vier oder fünf Jahren betrachten, so sind unsere Relationen katastrophal. Wenn wir darin einen sinnvollen Selektionsprozess sehen, so ist es indiskutabel, dass wir darüber so wenig wissen und folglich auch das Studium darauf nicht abstimmen können. Hochschulpolitisch haben wir uns damit jedenfalls in eine Falle locken lassen: Die hohen Eingangszahlen schreibt sich die Politik gut, und die geringen Absolventenzahlen sind der schwarze Peter für uns.

Das Problem wird jedenfalls bleiben - auch mit dieser Unireform. Es sind die jungen Menschen und ihr Bildungswille, ihre Lebensentwürfe, die den Politikern und uns den Takt vorgeben. Unser Anpassungsbedarf an sie ist und bleibt notorisch groß.

Tröstlich, dass diese jungen Leute in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen haben, dass sie noch mit jedem noch so desolaten Zustand dieser Universität zurechtkommen, um sich ihren Teil von dieser alteuropäischen Institution Universität zu holen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2003)

Wolfgang R. Langenbucher ist Vorstand des Instituts für Publizistik und Kommunikations- wissenschaft an der Uni Wien

Nachlese

Trugbild freie Universität - Ein Kommentar von Martina Salomon

Share if you care.