"Blood in History & Blood Histories"

20. Oktober 2003, 12:49
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Kolloquium zur Kulturgeschichte des Blutes in Deutschland

Greifswald - Ein außergewöhnlicher blutiger Diskurs im Dienste der Wissenschaft geht in Greifswald (Deutschland) über die Bühne. Seit Donnerstag läuft unter Schirmherrschaft der Universität das dreitägige Kolloquium "Blood in History & Blood Histories" (Blut in der Geschichte und Blut-Geschichten) zur Kulturgeschichte des Blutes mit Teilnehmern aus sechs Ländern. Dabei sollen Medizin, Medizingeschichte, Literaturwissenschaft, Kultur- und Kunstgeschichte miteinander ins Gespräch gebracht werden, um Vielfalt und Komplexität des "ganz besonderen Saftes" aufzuzeigen, wie die Organisatorin, Mariacarla Gadebusch-Bondio, sagt.

Eigenwillige Rolle

Für die Medizinhistorikerin ist Blut "ein Saft, der im wahrsten Sinne des Wortes das Leben selbst durch alle Zeiten und Kulturen verkörpert". Schon immer habe das Blut eine eigenwillige Rolle gespielt, sagt die Privatdozentin. Im Körperinneren ist Blut mit fließender Bewegung, Vitalität und Gesundheit verbunden. Sobald es jedoch sichtbar wird, rücken Bilder von Verwundung, Gewalt und Tod in den Vordergrund. Die Bedeutung des Blutes ist dabei je nach Epoche und Kultur sowie zwischen Mann und Frau unterschiedlich, wie Gadebusch-Bondio erklärt. Jenseits des Körpers wird es in Kunst und Literatur, in der religiösen Mystik oder im Reliquienkult symbolisch dargestellt und immer neu inszeniert.

Blut bei Aristoteles

Der Tübinger Philosoph Alberto Jori erinnert in Greifswald daran, dass Aristoteles Blut als homogenen Körperteil ansah, der bei den wärmeren Lebewesen durch "Kochung" der Nahrung im Herzen entsteht. Verteilt im ganzen Körper sollte Blut nach Ansicht des antiken griechischen Gelehrten nicht nur dessen verschiedene Teile ernähren und wachsen lassen, sondern auch die Sinneswahrnehmungen weiterleiten.

Eines der ältesten Arzneimittel

Die Verwendung von Blut als eines der ältesten Arzneimittel rückt Hartmut Bettin vom Marburger Institut für Pharmaziegeschichte ins Blickfeld. Obwohl selten thematisiert, sei Blut über Jahrtausende ein bedeutendes Medikament gewesen. Vor allem im Mittelalter sei Menschen- oder Tierblut zu allen möglichen Heilzwecken verabreicht worden. "Die ungebrochene Präsenz des Blutes im Arzneischatz verschiedener Kulturen" sei kaum mit empirischer Heilerfahrung zu erklären, sondern müsse im Kontext mit Kult und Mythologie, Magie und Dämonologie betrachtet werden, findet Bettin. Von himmlischen und irdischen Kräfte im Blut versprach man sich demnach eine ganzheitliche Behandlung an Leib und Seele. Auch heute, wo die moderne Medizin die Geheimnisse des Blutes weitgehend entschlüsselt hat, ist kaum darauf zu verzichten. Davon, so Bettin, zeugen schon die vielen überlebenswichtigen Bluttransfusionen.

Theologische Bedeutung

Einem anderen Aspekt widmet sich der Baseler Historiker Lucas Burkart in seinem Vortrag zur theologischen Bedeutung des Märtyrer-Blutes. Auch das Thema Rasse und Blut in der NS-Zeit wird in Greifswald nicht ausgeklammert. Dafür sorgt unter anderem der Beitrag des Berliner Medizinhistorikers Gerhard Baader zur Blutgruppenforschung im Nationalsozialismus. Weiterer Mosaikstein in dem umfangreichen Themenreigen sind die Thesen des russischen Wissenschafters Valeri Sawtschuk, der die Symbolik des Blutes in der Kunst beleuchtet. Es beeinflusst nach seiner Darstellung die soziale Schichtung, reguliert verwandtschaftliche Beziehungen oder dient als universales Maß von Entgeltung und Vergeltung. In der modernen Kultur geraten indes eigentlicher Sinn der Blutsymbolik und Funktionen zunehmend in Vergessenheit, meint der St. Petersburger Kunst-Experte. (APA/AP)

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