Ulm feiert Ulm

20. Oktober 2003, 08:00
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Eine Ausstellung erinnert an die Geschichte der legendären Hochschule für Gestaltung. Platz für kritische Untertöne bleibt dabei keiner

50 Jahre ist es her, da begann am Ulmer Kuhberg der Unterricht. Und der Streit. Denn an der Hochschule für Gestaltung (HfG), die von Inge Scholl - deren Geschwister Hans und Sophie Scholl ("Weiße Rose") von den Nazis hingerichtet worden waren - sowie Otl Aicher und Max Bill gegründet wurde, gehörten Richtungskämpfe zum Alltag. Das begann schon vor der Gründung. Damals feilte Hans Werner Richter (Gruppe 47) als Prominenter am Schulkonzept, hatte eine Ausbildungsstätte für politische Bildung im Blick.

Nicht zuletzt der Promibonus überzeugte den amerikanischen Hochkommissar Mc Cloy, finanzielle Mittel bereitzustellen. Später, als Otl Aicher den Kontakt zu dem Schweizer Architekten, Designer und Künstler Max Bill aufgenommen hatte, mutierte dieses Konzept zu einer Reanimation des Bauhauses. Davon und von vielen anderen Ungereimtheiten schweigt die Ausstellung "ulmer modelle - modelle nach ulm" im Stadthaus zu Ulm. In "bislang so nie gezeigter Bandbreite", so der Pressetext, soll die Schau die Arbeit der Studierenden und Dozenten der HfG dokumentieren. Hans Dieter Schaal, Gestalter der Ausstellung, eröffnet seine Didaktik, in dem er den Fächerkanon der Ausbildung zum Ausgangspunkt macht. Im Erdgeschoß hat er eine Scheibe ausgelegt. Auf ihr stehen die Lehrfächer Information, Film, Industrielles Bauen, Produktgestaltung und Visuelle Kommunikation geschrieben.

Von hier spannen sich Verbindungsfäden durch das gesamte Gebäude: hin zur ersten Etage, dort, wo die Grundlehre und ihr Wandel von der Konkreten Kunst (Max Bill, Josef Albers oder Johannes Itten) zur visuellen Methodik (Tomás Maldonado oder Walter Zeischegg) gezeigt wird; hinüber zu den Räumen, die sich den "modellen nach ulm" zuwenden, welche nach dem Exitus der HfG, 1968, zahlreich in aller Welt fortlebten und -leben; bis hinauf ins Obergeschoß, wo jedem der 15 HfG-Jahre eine quadratische Säule gewidmet ist, auf der je ein Produkt - stellvertretend für das Jahr - feierlich in einer kubischen Vitrine thront: ein lichtdurchflutetes Fest der Ordnung. Heroische Überhöhung.

Hier bestaunen wir mit Andacht vor allem die Leistungen des Lehrgebiets Produktgestaltung: das Hotel-Stapelgeschirr "TC 100", das Hans (Nick) Roericht 1958/ 59 als Abschlussarbeit ablieferte oder den "Schneewittchensarg" von 1956, entworfen von Hans Gugelot und Dieter Rams, der den Weltruf des Radioherstellers Braun begründete. Wir sehen das Erscheinungsbild der Lufthansa (1962-1963, Otl Aicher) und halten vor der Vitrine von 1968 inne. Hierin ist ein Stapel der letzten Ausgabe der Zeitschrift ulm aufgebahrt, deren Titel zur Trauer anregt: Er ist pechschwarz.

Wie im Ausstellungskatalog auch wird hier beharrlich an der Legende weitergestrickt, das Ende der HfG sei allein eine Folge der Mittelkürzungen gewesen: eine unzulässige Verkürzung historischer Tatsachen. Mit Lehrbeginn griffen Lernen und Arbeiten ineinander: Bill strebte Kunst als "höchste Ausdrucksstufe des Lebens" an. Nicht nur das Schulgebäude, auch Möbel wurden entworfen, etwa der "Ulmer Hocker" (1955). Womit Bill, gemeinsam mit Hans Gugelot, das passende Universalmöbel bereitstellte, um das asketische Treiben auf dem Kuhberg auszustatten. So formte er auch das tägliche Leben der insgesamt 640 Studenten aus 49 Ländern, die in Ulm studierten, von denen aber nur 215 mit einem (staatlich nicht anerkannten) Diplom die Stätte verließen.

Indes: Vom Leben auf dem Kuhberg erfahren wir in der keimfreien Leistungsschau im Ulmer Stadthaus nichts. Und nur wenig von der Abteilung Film, die ab 1962 von Alexander Kluge geleitet wurde, sich später aber von der HfG löste: Nur ein paar Filmminiaturen flimmern hier ohne Kommentar in einem dunklen Raum vor sich hin. Aber über die Versuche, Design objektiv begründbar zu machen, gibt ein Bücherturm Auskunft. Jedem der vier großen Ulmer Theoretiker ist jeweils eine Seite zugedacht. Denn neben Max Bense, dem es sehr am Herzen lag, die Qualität von Information zu berechnen, hatte die wissenschaftliche Front Verstärkung erhalten, nachdem Otl Aicher sich auf die Seite des Industriedesigners Tomás Maldonado geschlagen hatte. Das von Bill allein geführte Rektorat wurde durch ein Rektoratskollegium ersetzt, dem der Theoretiker Maldonado vorstand.

Weitere Verstärkung lieferte ab 1958 Horst Rittel, der mit den Mitteln der reinen Mathematik versuchte, Objektivität ins Design zu tragen. Wie auch Abraham Moles seine Profession als Philosoph und Physiker zu diesem Zweck einsetzte. An diesem Turm wird gravitätisch die Wissenschaftseuphorie der 50er- und 60er-Jahre begrüßt - Neuralgisches daran sicher ignorierend. Hier lernen wir auch, dass es so etwas Böses wie "Geltungsnutzen" gab, der freilich ein "falsches Bedürfnis" beschreibt. Wozu Theodor W. Adorno, in der offiziellen Lehre in Ulm nicht existent, später in einem Vortrag anmerkte: "Die lebendigen Menschen (. . .) haben ein Recht auf die Erfüllung ihrer sei's auch falschen Bedürfnisse." Das aber ignorierten die Positivisten vom Kuhberg früher.

Und heute die Ausstellungsmacher: In Ulm wird Ulm blind gefeiert. Jede Kritik - und damit auch jede qualifizierte Auseinandersetzung mit dieser ruhmreichen Ausbildungsstätte - bleibt draußen vor der Tür. Man könnte auch sagen: Hier wird stumpf gejubelt. (Knuth Hornbogen, DER STANDARD, rondo/17/10/2003)

Link

museum.ulm.de
Bis 30. November.

Zudem findet im Ulmer Museum die Fotoausstellung "HfG-Ulm. Programm wird Bau" und "Konkrete Poesie: Gomringer, Krampen" statt. Der Ausstellungskatalog, erschienen bei Hatje und Cantz (207 Seiten), kostet 28 Euro.

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    Max Bill und Walter Gropius bei der Eröffnung der Hochschule für Gestaltung in Ulm

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    "Schneewitchensarg" von 1956 für Braun

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