von Linda Reiter

23. Oktober 2003, 11:35
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Herr Raimund hat in einer hessischen Zeitung unter der Rubrik "Ehrungen" vor einigen Tagen eine eindrucksvolle Entdeckung gemacht. Er erzählt: Da las ich doch tatsächlich: "Der mit 5000 Euro dotierte Emmerich Taler-Preis für wissenschaftliche Leistungen (. . .) wurde in diesem Jahr an Emmerich Taler vergeben." Was sagen Sie dazu? Gibt das nicht Anlass zur Hoffnung, dass wir alle einmal unseren eigenen Preis gewinnen?

Lieber Herr Raimund, das ist tatsächlich eine erfreuliche Nachricht. Gehen wir die Möglichkeiten durch. A) Es handelt sich um ein journalistisches Missgeschick. - Diese Variante scheidet aus, sie wäre doch wirklich zu langweilig. B) Der Stifter ist Emmerich Taler senior, der Gewinner Emmerich Taler junior. Der Preis wäre dann eine kleine hessische Familienfeier mit Öffentlichkeit. C) Zufällige Namensgleichheit von Verleiher und Geehrtem. D) Für den Preis kommen von vornherein ausschließlich Träger des Namens Emmerich Taler in Frage, die etwas mit Wissenschaft zu tun haben. Nach zehn Jahren Preisvergabe würde für den Sieg bereits genügen, die Zeitschrift "Wissen aktuell" abonniert zu haben. E) Stifter und Gewinner sind ident. Emmerich Taler stiftet sich nach dem Motto "Gutes tun und darüber reden" jedes Jahr einen Anerkennungspreis. Damit ehrt er seine Wissenschaft zum Nulltarif, biedert sich niemandem an, spart sich (und anderen) das schweißträchtige Händeschütteln. Und er ist bei der Höhe des Preisgeldes absolut flexibel, kann somit den Wert der Auszeichnung nach Belieben in Richtung Oscar oder Nobelpreis steigern. Ja, es könnte sein, dass die Emmerich Talersche Selbstehrung eine neue Epoche im internationalen Preisvergabewesen einläutet. Weltweit Tausende ehrwürdige Kandidaten aller Metiers, die es satt haben, auf Jurys angewiesen zu sein, werden sich selbst würdigen. Nur Emmerich Taler kann dann aufhören, sich zu ehren. Er wird ohnehin in jeder zweiten Laudatio als jener Mann erwähnt, ohne den die jeweilige ausgezeichnete Leistung wohl niemals zustande gekommen wäre.
Freundlichst, Linda Reiter (Der Standard/rondo/17/10/2003)

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