Präsident will Referendum zu Erdgas-Exporten

17. Oktober 2003, 18:16
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Demonstrationen gegen Sanchez de Lozada dauern an - Zwei Tote bei Auseinandersetzungen am Mittwoch

La Paz - Angesichts der anhaltenden gewaltsamen Proteste im Land hat der bolivianische Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada ein Referendum über seine umstrittenen Pläne zum Export von Erdgas in die USA und nach Mexiko vorgeschlagen. Er wolle das bolivianische Volk über den Handel entscheiden lassen, sagte der Präsident am Mittwochabend (Ortszeit) in einer Fernsehansprache.

Zuvor waren erneut tausende Regierungsgegner in den großen Städten Boliviens auf die Straße gegangen, um den Rücktritt von Sanchez de Lozada zu fordern. Im Regierungssitz La Paz, in dem das öffentliche Leben schon seit Tagen praktisch lahm gelegt ist (Hauptstadt ist Sucre im Süden des Landes), bezogen Soldaten Stellung. Demonstranten errichteten Straßensperren. Die Aktionen schienen sich noch auszuweiten.

Zwei Tote bei Auseinandersetzungen

Bei den Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten wurden am Mittwoch erneut zwei Menschen getötet. Nach Angaben eines lokalen Priesters starben die beiden Männer bei dem Versuch der Armee, einen Konvoi streikender Minenarbeiter auf dem Weg von der Andenstadt Patacamaya nach La Paz zu stoppen. Als der Konvoi trotz Tränengas und Gummigeschossen weiterfuhr, eröffneten die Soldaten das Feuer; mindestens 20 weitere Menschen wurden laut dem Priester und Menschenrechtsvertretern verletzt.

Bisher mehr als 70 Tote

Die Demonstrationen begannen vor drei Wochen als Protest gegen geplante Erdgas-Exporte über Chile nach Mexiko und in die USA. Die verarmten Kokabauern und die Gewerkschaften kritisieren die niedrigen Gewinnspannen für das Land. Obwohl Staatschef Sanchez de Lozada inzwischen einlenkte, dauern die Proteste, bei denen bislang mehr als 70 Menschen starben, weiter an. Sie richten sich nun gegen die weit verbreitete Armut vor allem in der indigenen Bevölkerungsmehrheit. Die Indigenen werden besonders hart von einem von den USA geförderten Programm getroffen, das den Koka-Anbau in dem Andenstaat beenden soll. Gewerkschaften und bürgerliche Protestbewegungen schlossen sich den indigenen Bauern inzwischen an. (APA)

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    "Bolivien gehört uns, verdammt!" - Bei Ausschreitungen zwischen bolivianischen Studenten und der Polizei kam es zu Ausschreitungen, bei denen Tränengas eingesetzt wurde.

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