Altmeistermusikrevue

22. Oktober 2003, 14:08
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Neue Alben von Randy Newman, Robert Wyatt, David Byrne und John Cale

RANDY NEWMAN
Songbook Vol. 1
(Warner)
Der große alte Zyniker des großen alten ehrlichen Songwritings in der Schule von George Gershwin, Chuck Berry und Sigmund Freud ist mittlerweile hauptberuflich Soundtrack-Komponist in Hollywood (zuletzt Seabiscuit). Hier setzt er sich anlässlich seines 60. Geburtstages allein ans Klavier und spielt nach seiner letzten großartigen Liedersammlung Bad Love aus 1999 noch einmal alte Klassiker ein. Neue Freunde wird er sich damit nicht machen. Alte Fans freuen sich über abgespeckte Hotelbar-Versionen von Klassikern wie Sail Away oder God's Song.

ROBERT WYATT
Cuckooland
(Lotus)
Der britische Altmeister einer zu Herzen gehenden, zu gleichen Teilen poetischen wie politischen Musik hat sich nach sechs Jahren wieder einmal ein neues Album abgerungen. Gemeinsam mit alten Wegbegleitern wie Brian Eno, Robert Gilmour von Pink Floyd oder Phil Manazanera reiht sich Cuckkooland nahtlos in die besten Arbeiten des Mannes mit der Gänsehaut erzeugenden, filigranen Kopfstimme ein. Atmosphärischer Beserlschlagzeug-Jazz, Ambient-Studien, weltmusikalische Einflüsse, hybrider Folk: die wunderbar traurigste Musik der Welt.

DAVID BYRNE
Lead Us Not Into Temptation
(Thrill Jockey/Substance)
Der ehemalige Chef der New Yorker Talking Heads entdeckt nach Jahren einer im Zeichen brasilianischer Musik stehenden Solokarriere seine schottischen Wurzeln. Gemeinsam mit britischen Musikern der Bands Mogwai, Belle & Sebastian oder The Delgados komponierte Byrne den Soundtrack für den britischen Film Young Adam unter der Regie von David MacKenzie. Rein instrumental gehalten bewegen sich die Stücke zwischen düsteren "Jazz-noir"-Versuchen, Ambient-Studien - und, man muss es sagen, gepflegter Langeweile. Vergleiche mit artverwandten Kollegen wie Angelo Badalamenti oder Barry Adamson liegen auf der Hand. Aufgrund der schöntönenden Beliebigkeit muss man Byrne in diesem neuen Fach allerdings noch Eigenständigkeit absprechen.

JOHN CALE
Hobo Sapiens
(EMI)
In seinen besten Momenten erinnert Cales erstes Song-Album seit sieben Jahren an Momente aus seinem Jahrhundertwerk Music For A New Society aus 1982. Gebrochene, zerstörte und verstörte Balladen von einem großen, ewig zornigen und verbitterten, mitunter zur Gewalt neigenden, die Menschen aber letztlich liebenden Misanthropen. In seinen schlechtesten Momenten klingen die neuen, gemeinsam mit dem britischen Dancefloor-Wastl Nick Franglen von den laschen Lounge-Groovern Lemon Jelly erarbeiteten Lieder wie Triphop für Rentner und Autoren-Techno für Bausparberater. John Cale nämlich hat etwas verspätet den Zauber von computergenerierter Musik entdeckt und weiß offensichtlich auch, dass Portishead kein englisches Dorf, sondern eine melancholische Lebenseinstellung ist. Wie meinte neulich ein Freund: Das Album ist nicht schlecht. Aber alles, was John Cale heute macht und uns nicht wie vor 20, 30 Jahren bis ins Mark erschüttert, ist überflüssig. Ich sage nur: "Fear is a man's best friend!" (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2003)

Von Christian Schachinger
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