Der Müll, die Stadt und die Kunst

28. Oktober 2003, 15:06
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Den Abfall werden wir nicht los, meint Trash-Theo- retiker Christian Unverzagt. Wir können nur lernen, mit ihm umzugehen. So kreativ wie möglich

der Standard: Herr Unverzagt, der Mensch und der Müll, das scheint ein sehr belastetes Verhältnis zu sein. Wie würden Sie es beschreiben?
Christian Unverzagt: Dieses Verhältnis ist ein bisschen so wie der Mensch und sein Schatten. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Müll. Wobei man zwei Tendenzen feststellen kann: Zum einen gibt es eine Tendenz zur Ansammlung. Man denke etwa an wilde Müllkippen, die immer neuen Müll anziehen. Zum anderen hat Müll einen Hang zum Vergessenwerden. Wir wollen uns damit nicht beschäftigen.

Eine Symbiose, die funktioniert?

Die zumindest für lange Zeit funktionierte. Durch die Geschichte hindurch war dieses Verhältnis eine recht verträgliche Liaison. Man hat sehr früh die Nahrungsreste aus den Siedlungen hinausgeschafft. Als die ersten Städte gebaut wurden, gab es dann eine Reihe von technischen Neuerungen, um den Müll wegzuschaffen. Die Religion hat etwa mit Reinheitstabus einen Beitrag geleistet. Die Geschichte der Architektur lässt sich unter Müllgesichtspunkten betrachten. Warum werden Straßen gepflastert? Wie werden Abwässerkanäle in die Städte integriert?

Aber dieses funktionierende Verhältnis wurde doch irgendwann nachhaltig durcheinander gebracht?

Das war der Punkt, an dem die Geschichte des Mülls in Wahrheit auch erst einsetzt. Und sie setzte katastrophisch ein.

Wann war das?

Wir können das ziemlich genau auf die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts datieren. Da kamen Worte auf wie "Entsorgungsinfarkt" oder "der Müll wächst uns über den Kopf". Das, was dazu führte, blieb im gesellschaftlichen Bewusstsein verborgen. Doch irgendwann, als mit der Wachstumsgesellschaft auch der Müll immer weiter wuchs und neue Stoffklassen aufkamen, die nicht mehr in die natürlichen Kreisläufe zurückgeführt werden konnten, griffen die technischen Strategien und damit auch die Strategie des Vergessens nicht mehr.

Und seit damals wird Müll nur mehr negativ gesehen?

Nein, wir haben zugleich schon eine Parallelbewegung, die sich allerdings in einer anderen Sphäre bewegt. In der Kunst wird das, was wir als Müll bezeichnen, in einen kreativen Prozess integriert. Antizipationsbewegungen gibt es bereits seit den zwanziger Jahren, man denke an Kurt Schwitters. Später gibt es die Materialkollagen eines Jean Tinguely oder auch die Arbeiten von John Cage. Heute beschäftigen sich fast überall lokale Künstler mit Müll. Man könnte das unter den Begriff "Rituale der Sichtbarmachung" einordnen.

Korreliert die Bewusstmachung des Mülls auch mit einer gesellschaftlichen Integration des Mülls?

Müll wird ein wichtiger Zweig der Wirtschaft. Es entsteht eine eigene Abfallwirtschaft, ein wichtiger Faktor im Bruttosozialprodukt. Es gibt daneben auch noch die Halbwelt des Mülls, illegale Atom-oder Giftmülltransporte, die nur mit Waffen- oder Drogengeschäften vergleichbar sind.

Dieser Müll besitzt damit einen unglaublichen Wert. Er wird in die Sphäre von Wertgegenständen katapultiert.

Das hat mit dem zu tun, was Müll ist: Er ist die Materie, die nutzlos geworden ist, die verschwinden soll und nicht verschwinden will. In diesem Zwischenraum, zwischen Verschwindenlassenwollen und Nichtverschwindenwollen, da spielt sich das große Geschäft ab. Durch diese Reibung wird der Müll mit Wert aufgeladen.

Letzten Endes verschwindet der Müll dann aber doch nie. Das sei die Lehre des Ökologismus, schreiben Sie in ihrem Buch.

Das ist das eigentlich Skandalöse des Mülls. Alle Strategien, die wir entwickelt haben, um ihn zum Verschwinden zu bringen, sie nutzen letztlich nichts. Egal ob Recycling, Verbrennung, Meeresboden oder All; ob als Sero, Gift oder ästhetisches Ärgernis - die Stoffe bleiben uns erhalten, es gibt nur eine Verlagerung des Mülls. Das geht dann hinein bis ins Feld der Anekdoten: wenn Müllschiffe jahrelang über die Weltmeere schiffen, um ihre Ladung loszuwerden. Am Ende tauchen sie dann unter anderem Namen wieder auf, und der Müll ist weg. Doch der Müll ist nur weg aus unserem Bewusstsein.

Oder wir benutzen Euphemismen, um dem Müll zumindest sprachlich Herr zu werden.

Genau, das sind dann Sprachmüllstrategien. Die Rede vom Endlager, vom Brennstoffkreislauf, wo der gefährliche Rest des Mülls, vergessen gemacht werden soll.

Ein neueres Phänomen ist der so genannte Informationsmüll.

Ja, die Hoffnung, die wir suggeriert bekamen, dass wir mit dem Eintritt ins Informationszeitalter das dreckige Müllsystem hinter uns lassen, hat sich nicht erfüllt. Innerhalb des Informationssystems kommt es nun zusätzlich noch zu einem Informationsüberschuss. Man könnte nun überlegen, ob Informationsmüll nun eher als Metapher zu verstehen ist oder ob hier das selbe Prinzip herrscht, wie im Bereich des Austauschs von Waren samt seinen Abfällen. Diese Frage bleibt offen. (Der Standard/rondo/Stephan Hilpold/17/10/2003)

Christian Unverzagt schrieb zusammen mit Volker Grassmuck das Buch "Das Müll-System" (Edition Suhrkamp, Frankfurt/M). Er lebt nach Jahren des Aufenthaltes in Asien als freier Schriftsteller in Heidelberg.
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