No-Budget- Design

22. Dezember 2003, 17:42
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Sardinenbüchsen für Regale und die Scheibtruhe als Schalensitz. Vor dem Hintergrund der "neuen Armut" boomt auch die alternative Produktkultur des Lowtech-Designs

Begonnen hatte alles am Strand, und zwar im sonnigen Portugal. Eine günstige Basis, nicht nur für den Briten Michael Marriott, sondern auch für jeden anderen potenziellen Lowtech-Designer. Weiß man doch, dass es dort drüben
a) ausreichend Ruhe für neue Ideen und
b) die buntesten Sardinenbüchsen der Welt gibt.

Marriott kombinierte beides, packte die grafisch interessant gestalteten und schön ausgespülten Fischdosen am Ende des Portugalurlaubes ein, und holte sie daheim, im Londoner East End, wieder aus der Reisetasche. Natürlich mit einem kleinem Plan im Hinterkopf. Einige Wochen später war dieser endgültig ausgereift, der Prototyp des Sardinenbüchsenregals "Seven Series" fertig - und der Brite hatte seinen bislang größten Coup gelandet.

So entdeckte die Welt des Designs den Recyclingpapst der vorgerückten Neunzigerjahre. Denn Michael Marriott hatte zu diesem Zeitpunkt bereits wiederholt Müll zu Möbeln verarbeitet und Dinge, die bereits an der Kippe des Abfalleimers balancierten, mit neuen, interessanten Funktionen angereichert. Letzteres freilich mit zwingendem Erfolg: Poppig leuchten uns die Signalfarben von alten Orangen-Pappkartons entgegen, die Marriott als Schubladen des Rollcontainers "Citrus Light" adaptierte.

Billige Holzkochlöffel, die man an den EU-Landesgrenzen und natürlich in zahllosen Ramschläden der Welt im günstigen Zehnerpack erstehen kann, verwertete er als Elemente der Garderobe "Coatstand". "Dysfunktionale Spielereien" mögen spätestens jetzt die Kritiker solcher Designexperimente schreien. Wobei die Betonung ruhig beim Wort Spielerei liegen darf. Denn um perfekte Zweckdienlichkeit geht es Entwerfern vom Schlage eines Michael Marriott eben nur unter anderem. Politische Dimensionen spielen beim Recycling von Sperrmüll zu - sagen wir - einigermaßen gebrauchsfähigen Möbeln eine prominente Rolle. Dazu kommt zudem die aktuelle Brisanz von wirtschaftlicher Rezession und ökologischen Katastrophenszenarien.

"Lowtech-Design" - der Begriff, unter dem heute einschlägige Literatur verlegt wird, Workshops veranstaltet und Ausstellungen organisiert werden - blickt dabei auf eine längere Tradition zurück. Nüchterne "Tüftlermöbel" aus möglichst robusten Materialien, mit stets simpler wie praktischer Ausführung und Handhabung und niedrigem Preis sowie provokante Beiträge halten sich dabei recht kongenial die Waage. Nachwuchsdesigner wie der Italiener Paolo Ulian stopfen etwa Kabel in Einrexgläser und basteln so semantisch interessante Leuchten. Sein Kollege Lorenzo Damiani schaffte es mit der dekorativen Verwertung von Plastikinstallationsrohren, die er zu interessanten Möbeln zusammensteckt, gar zu Cover-Ehren bei internationalen Designmagazinen. Und der niederländische Avantgardist Henk Stallinga schlägt kurzerhand

Dachdeckerhämmer in die Wand und benutzt sie als Garderobe. Auch didaktische Ansätze helfen Interessierten in diesen Angelegenheiten weiter. Beispiel Boisbuchet, ein französischer Veranstaltungsort von designspezifischen Sommerworkshops, bei denen das Vitra Design Museum die unakademische, experimentelle Auseinandersetzung mit Design fördert. Renommierte Designer wie Konstantin Grcic, Ross Lovegrove oder Michele de Lucchi unterstützen dort die Suche nach intelligenten Lösungen mithilfe einfacher Mittel.

Bewusst simpel gehalten sind vor Ort die Werkstätten zur Metall- und Holzbearbeitung - so soll die Kreativität der Teilnehmer gefördert und Anreize zur Improvisation geliefert werden. Was zuletzt 220 Designstudenten und Designer aus 24 Ländern in den Südwesten Frankreichs lockte, interessiert eine wachsende Schicht von "Hobbydesignern" aller Interessengebiete.

Schmale Geldbörsen, zumal für die Investition in Limited Editions, gepaart mit der Lust am eigenen kreativen Experiment und, im Idealfall, ein profundes kulturelles Hintergrundwissen sind recht typische Konstellationen für das private Abenteuer "Lowtech-Design". Selbst die Stars der Designszene liefern reichhaltiges Anschauungsmaterial zum Thema. Die aus Fertigteilen zusammengefügten Objekte und Möbel der experimentellen niederländischen Kooperation Droog Design waren vermutlich häufiger in Printmedien abgebildet, als diese Stücke je geordert wurden.

Weltstars wie Frank O. Gehry, dem Entwerfer des bekanntesten Wellkarton-Möbels "Wiggle Side Chair", erging es da wohl nicht viel anders. Doch wichtiger als die Verkaufsziffern ist die Sensibilisierung für die Suche nach neuen, simpleren Lösungen. Dass diese auch realisiert werden können, dafür sorgen Unternehmen wie der deutsche Designbaumarkt Modulor. Sein Gründer, der Architekturstudent Christof Struhk, erkannte im Laufe seiner eigenen Materialrecherchen, "dass man als Endverbraucher nur schwer an Halbzeug (Materialen, aus denen später die Fertigprodukte entstehen) herankommt".

Struhks Firma versucht nun genau diese Lücke zu schließen und bietet ein Schlaraffenland für Bastler mit weit über 7000 Artikeln, die Architekten, Hobbydesigner und Bühnenbildner zu gleichen Teilen erfreuen. Fluoreszierende PVC-Rundschnur in bestimmter Farbe, ultrafeines punktgeschweißtes Drahtgewebe oder weiches Vollgummilaken gefällig? "Modulor" liefert solche Extras mittlerweile sogar per Katalog und kann sich dabei einer permanent steigenden Nachfrage erfreuen. Verarbeitungstipps, Angaben über chemische Zusammensetzungen und Vorschläge zu Materialalternativen ergänzen den über 500 Seiten starken Katalog.

In einer anderen Ecke Deutschlands und wohl auch auf ganz anderer Entwurfsebene reagierte wiederum der bayrische Möbelproduzent Freiraum, der in Zusammenarbeit mit jungen Designern typische Lowtech-Möbel realisiert und vertreibt, auf die stete Nachfrage der Sonntagsdesigner. Und zwar auf recht unkonventionelle Art: Anstelle eines reinen Materialkataloges werden hier auch Ideen vermittelt, die gemeinsam mit den konkreten Materiallisten, Bauanleitungen und Konstruktionszeichnungen im interessanten Bildband "20 Quadratmeter - Möbel für kleine Räume - Witzige Objekte zum Selbermachen" vorgestellt werden. Schritt für Schritt können die besten der originellen und durchdachten Freiraum-Möbel dabei nachgebaut werden. Zum Beispiel das elastische Gummiband-Verstauschränkchen "Knitterfrei" oder das filigrane No-Budget-Kleiderhakenregal, für das einige Drahtkleiderhaken und ein paar bearbeitete Platten ausreichen. Gleichzeitig sollen die abgebildeten Produkte aber auch brauchbare Anregungen für die eigene Ideenwerkstatt bieten: das leicht abgehängte Snowboardregal, die zum Schalensitz hochgekippte Scheibtruhe oder der multifunktionale Bierkistendeckel (als Sitzfläche und Serviertablett) - wie leicht hätte einem das alles doch auch selbst einfallen können! (Der Standard/rondo/Robert Haidinger/17/10/2003)

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    foto: hans van der mars
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