Waffendepots als Selbstbedienungsladen

17. Oktober 2003, 10:50
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Rüstungsexperten weisen auf neue Dimensionen der Terrorgefahr hin - Waffenarsenale im Irak nicht oder nur schlecht bewacht

Wien/London - Die US-geführten Streitkräfte haben bisher keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden. Allerdings lagern dort noch gewaltige Mengen "konventioneller" Tötungsinstrumente. Laut einem Bericht des US-Waffeninspektors David Kay sind im Irak rund 130 Munitionslagerstätten bekannt. Diese Depots, von denen viele sich über eine Fläche von mehr als 50 Quadratmeilen erstrecken, beinhalten schätzungsweise 600.000 Tonnen Artilleriemunition. Rund 120 dieser Stätten wurden noch nicht untersucht, zitiert das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) in London aus dem Kay-Bericht.

Nur schlecht bewacht

Terroristen könnten sich Zugang zu den nicht oder nur schlecht bewachten Waffendepots im Irak verschaffen, warnt das IISS anlässlich der Präsentation seines Jahresberichts "The Military Balance 2003-2004". Als besonders Besorgnis erregend wird die Möglichkeit bezeichnet, dass die Terrorszene in den Besitz tragbarer Luftabwehrsysteme (MANPADS) gelangen könnte, die in großen Mengen im Irak lagerten. Sowjetische SA-7- und amerikanische Stinger-Raketen würden am internationalen Schwarzmarkt 5.000 Dollar erzielen. Die USA dagegen würden nur 500 Dollar pro abgeliefertem MANPADS bieten. Das Problem der Weiterverbreitung dieser Waffen wird durch die Durchlässigkeit der irakischen Grenzen verschärft, die Rüstungsspirale im Krisenherd Nahost weiter angeheizt.

Kleinere Waffen leicht zu beschaffen

Die US-geführte Invasion im Irak habe zu einem Zusammenbruch der Sicherheitsstrukturen und damit auch der Überwachung der Waffendepots sowie der Staatsgrenzen geführt, betont das IISS. "Die Koalition war nicht auf das Ausmaß der Problem vorbereitet und hat keine Möglichkeit gehabt, die Anzahl der Waffen- und Munitionsdepots festzustellen". Fünf Monate nach dem Krieg sei die Situation kaum besser geworden. Kleinere Waffen seien für Kriminelle und Aufständische äußerst leicht zu beschaffen. "Die Besatzer ringen noch um die richtige Technik, der Aufstandsbewegung zu begegnen", stellt das Londoner Institut fest.

Keine zentrale Basis

Zugleich verweist das IISS darauf, dass seit der Intervention in Afghanistan die Terrororganisation Al Kaida ihrer zentrale Basis beraubt wurde. Dadurch habe die militärische Dimension des Anti-Terrorkampfes an Bedeutung verloren. "Transnationale Terroristen" hätten sich heimlich in "vielleicht 100 Ländern" ausgebreitet. Sie würden derzeit kaum ein geeignetes Ziel für militärische Maßnahmen darstellen. Gelegentlich ergebe sich zwar die Möglichkeit eines Angriffs mittels einer "Predator"-Drohne, generell sei jedoch die militärische Bekämpfung des Terrors beschränkt etwa auf das Sammeln geheimdienstlicher Erkenntnisse, auf Spezialoperationen und den Zivilschutz.

Hauptfeind USA

Die USA seien weiterhin der Hauptfeind der Al Kaida. Trotz aller Gegenmaßnahmen von Amerikanern und Europäern versuchten die Terroristen aktiv, in westlichen Ländern Fuß zu fassen. Es sei bekannt, dass Al Kaida die Absicht habe, sowohl Massenvernichtungswaffen als auch "schmutzige Bomben" zu entwickeln. Zwar seien die meisten seit dem 11.September 2001 ausgeführten Terrorangriffe mit "traditionellen Mitteln" verübt worden, so die IISS-Rüstungsexperten. Einige der mit Al Kaida verbundenen Aktivisten seien jedoch darauf vorbereitet, "Waffen zu verwenden, die nicht üblicherweise von Terroristen benutzt werden". Es handle sich dabei etwa um das hochgiftige Ricin oder um tragbare Luftabwehrwaffen, wie sie im Irak leicht zu beschaffen seien.

Lange Vorbereitungszeiten

Derzeit fehle es Al Kaida möglicherweise an Kapazitäten, um Massenmorde auf US-Boden, vergleichbar dem 11.September, zu verüben, schreibt das IISS. Man müsse aber bedenken, dass die Vorbereitungszeit für komplexe Operationen mehr als die 25 Monate, die seit 9/11 vergangen seien, betragen könne. Islamische Gotteskrieger könnten einen aufsehenerregenden Angriff auf US-Bürger im Irak planen - ähnlich wie die Hisbollah im Libanon im Jahr 1983, als 241 Marines getötet wurden. Ein solcher Anschlag könnte als vorläufiger "Ersatz" dienen, bis Al Kaida zu einem neuen Massenmord auf US-Territorium in der Lage ist. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein US-Soldat in einem unterirdischen Waffenlager nahe Tikrit.

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