Melvin Lasky, Pionier der Zeitschrift, ist 80

14. Jänner 2000, 21:01


Paul Lendvai

Im Oktober 1948 erschien in Berlin zur Zeit der sowjetischen Blockade und der Luftbrücke die erste Ausgabe der Zeitschrift "Der Monat" an den Zeitungskiosken. Michael Naumann, heute Staatsminister im Bundeskanzleramt für kulturelle Angelegenheiten, früher Journalist und Verleger, schrieb kürzlich: "Nie zuvor war es einer Zeitschrift in Deutschland in gleichem Maße gelungen, ideologische Verblendungen mit den besten verfügbaren Argumenten zu demontieren. Es war, daran besteht kein Zweifel, eine antikommunistische Zeitschrift. Eines jedoch war sie nie: reaktionär, illiberal, unfair oder humorlos ..."

Es gab wenige Autoren von Rang, die nicht für den Monat schrieben. Von George Orwell und Arthur Koestler bis Bertrand Russell, von Arnold J Toynbee bis Fran¸cois Bondy und Albert Camus reichte die Liste der Autoren. Es ist heute fast unvorstellbar, was Der Monat, damals "die bedeutendste Zeitschrift Europas, ja wahrscheinlich der ganzen Welt" (so Walter Laqueur) für die unterdrückten Geister östlich der Elbe, aber keinesfalls nur dort, bedeutete.

Sein Gründer und für zehn Jahre erster Chefredakteur war der einstige Kriegshistoriker der 7. US -Army, ein ganz und gar ungewöhnlicher amerikanischer Besatzungssoldat (und Absolvent der Columbia University) Melvin J. Lasky. Später übernahm Lasky für fast 30 Jahre die Chefredaktion des Londoner Encounter Monatsmagazin. Auch diese Zeitschrift wurde eine unverwechselbare Stimme in europäischen und transatlantischen kultur- und außenpolitischen Kontroversen.

In einem engagierten und kenntnisreichen schmalen Band ("Orwell, Koestler und die anderen. Melvin J. Lasky und "Der Monat", MUT Verlag Asendorf, 1999) beschrieb Marko Martin kürzlich die turbulenten Anfangsjahre und auch die erst viel später bekannt gewordene Tatsache, dass diese Zeitschrift, wie auch die anderen (Encounter in London, Forum in Wien und Preuves in Paris) indirekt vom amerikanischen Geheimdienst finanziert wurden.

Doch gab es bei einem Mann wie Lasky keine Möglichkeit, auf den Inhalt der Hefte Einfluss zu nehmen; bereits der erste Versuch durch Sendboten des berüchtigten Senators McCarthy wurde energisch zurückgewiesen.

Melvin Lasky kehrte 1989 (mit seiner Frau, der deutschen Schriftstellerin Helga Hegewisch) in seine "Wahl- und Schicksalsstadt" Berlin zurück. Lasky publizierte einen Sammelband über die ungarische Revolution 1956, ein großes Werk über "Utopie und Revolution" und zuletzt ein Taschenbuch über das Ende der KP-Herrschaft in der DDR. Nun erwarten Akademiker und Journalisten mit Spannung das Erscheinen seiner großangelegten Studie in drei Bänden über "Die Sprache des Journalismus", unter anderen über die Trivialisierung und Banalisierung der Zeitungskultur. Der erste Band erscheint dieser Tage bei Transaction Publishers.

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