Terror und Geld

27. Oktober 2003, 18:29
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Über wirtschaftliche Interessen und Kriegsrhetorik - Eine Kolumne von Paul Lendvai

Handelt es sich um eine Spielart des real existierenden Anti-amerikanismus oder gar um Böswilligkeit und hysterische Verärgerung, wenn man Fragen stellt über korruptionsverdächtige Querverbindungen hinter der rhetorischen Fassade des von Präsident Bush, Vizepräsident Cheney, Verteidigungsminister Rumsfeld usw. immer wieder lautstark proklamierten US-Krieges gegen den Terror?

Zu Recht weisen dieser Tage US-Leitartikler und Kommentatoren darauf hin, dass man den Marshall-Plan unter Truman, im Gegensatz zu Behauptungen der Bush-Leute, in keiner Weise mit dem so genannten Wiederaufbau des Irak vergleichen kann. Denn dieses viel publizierte Unterfangen wird immer mehr vom "Cronyismus", d. h. von Freunderlwirtschaft, geprägt.

Die Fakten sprechen für sich. Halliburton, die zweitgrößte Gesellschaft der Welt für Erdöltechnologie, wurde von 1995 bis 2000 vom inzwischen zum Vizepräsident gewählten Dick Cheney als Vorstandsvorsitzender geleitet. Eine Tochtergesellschaft hatte bereits vor längerer Zeit ohne Ausschreibung einen Vertrag im Wert von einer Milliarde Dollar für die Sanierung der irakischen Ölindustrie bekommen. Kurz danach erhielt Halliburton einen weiteren Auftrag von 1,3 Milliarden Dollar für die Versorgung der US-Truppen. Auch der Firma Bechtel, mit sehr guten republikanischen Verbindungen, wurden lukrative Aufträge für die Wiederherstellung der Elektrizitätsindustrie Iraks vom Verteidigungsministerium erteilt...

Weitere Beispiele? Die New York Times berichtet, dass der frühere Wahlmanager von Bush mit mehreren Freunden ein gemeinsames Unternehmen gegründet hatte, um am "Irak-Kuchen" mitnaschen zu können. Das frühere Anwaltsbüro eines stellvertretenden Staatssekretärs im Verteidigungsministerium ist bereits im Irak-Geschäft ebenso aktiv geworden wie andere Bush-Freunde. Indessen präsentierte die Bush-Administration einen Kostenvoranschlag in der Höhe von 87 Mrd. Dollar für den Wiederaufbau Iraks. Der Kongress will aber nur die für die US-Armee vorgesehenen 67 Mrd. bewilligen und die restlichen 20 Mrd. für Wiederaufbau der Infrastruktur und des Schulwesens beträchtlich kürzen.

Vizepräsident Cheney hat in einem TV-Interview kürzlich beteuert, er habe keine "finanziellen Interessen mehr" bei Halliburton. Dies stimmt eben nur dann, wenn man seine noch ausstehenden Stock-Options aus seiner alten Firma ignoriert und auch die 367.000 Dollar, die er als verspätete Kompensation schon als Vizepräsident bekommen hat - übrigens zusätzlich zu den 20 Millionen Dollar Abfertigung, die er bereits im Jahr 2000 erhalten hatte. Seine Firma soll zwischen 1995 und 2001 mit anderen internationalen Gesellschaften insgesamt 170 bis 200 Millionen Dollar Bestechungsgelder im Zusammenhang mit dem Bau eines Erdgaskomplexes in Nigeria an die zuständigen Beamten verteilt haben. Halliburton hat bereits im Mai zugegeben, dass die Firma einem nigerianischen Finanzbeamten 2,4 Millionen Dollar Bestechungsgeld gezahlt habe. Die Gesellschaft soll mehrere Angestellte entlassen haben und betont, dass kein führender Firmenvertreter involviert gewesen sei.

Wenn man zu den chaotischen Verhältnissen im zugleich besetzten und befreiten Irak und zu den offensichtlichen Fehlkalkulationen der Neokonservativen die empörten Vorwürfe über die Bereicherung mancher wortgewaltiger Kämpfer gegen den Terror hinzufügt, ist der außerordentlich rapide Rückgang der Popularität des US-Präsidenten keineswegs überraschend. Das bedeutet freilich noch lange nicht, dass Bush die nächsten Wahlen verlieren müsste, aber die wachsende Nervosität seiner Berater ist verständlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

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