"Taikonaut" Yang Liwei startete als erster Chinese zur Reise ins All

17. Oktober 2003, 09:22
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Weltraumheld mit Talent für Basteleien

Tagelang rätselten Millionen Chinesen, wer ihr erster Gagarin sein würde. Gestern konnte sie ihren neuen Nationalhelden Yang Liwei erstmals sehen. Er stand salutierend vor Chinas Nationalfahne: "Genosse Kommandeur: Ich habe den Befehl erhalten, die erste bemannte Raumfahrtmission zu leiten. Alle Vorbereitungen sind fertig. Ich warte auf Ihren Befehl."

So meldete sich vor seinem Abflug der 1,68 Meter kleine Oberstleutnant in der Uniform der "Taikonauten", wie China seine Raumfahrer nennt. Dann winkte der 38-Jährige den Ballons und Fähnchen schwingenden Anwohnern des Raumfahrtzentrums Jiuquan zum Abschied zu.

Kurz zuvor hatte er dem aus Peking angereisten Parteichef Hu Jintao versichert, er werde das Mutterland auf seiner "heiligen Mission" nicht enttäuschen. Hu wünschte gutes Gelingen: "Genosse Yang Liwei ist unser erster tapferer Soldat, der das Weltall erforscht. Er personifiziert einen tausendjährigen Wunschtraum unserer Nation. Wir und auch deine Familie warten auf siegreiche Rückkehr."

Yangs Frau Zhang Yumei und sein achtjähriger Sohn waren unter den Zuhörern. Chinas TV-Gemeinde sah die Abschiedsszenen nachträglich: Erst als der in Nordostchinas Provinz Liaoning geborene Yang auf sicherer Erdumlaufbahn war, wurde er der Öffentlichkeit als neuer Held des Landes präsentiert.

Welten trennen den hochdekorierten Militärpiloten, dessen "Fähigkeit zur Selbstkontrolle" von Ausbildnern gepriesen wird, von Chinas Musterhelden Lei Feng. Der Fußsoldat der Sechzigerjahre hat als Vorbild für die Jugend im 21. Jahrhundert ausgedient. Lei Feng lebte dafür, anderen Gutes zu tun und Mao-Sprüche zu zitieren, aß altes Maisbrot statt Reis und stopfte Socken für seine Mitstreiter.

Der akademisch gebildete Yang, seit 1983 Pilot, ist laut Angaben seiner Familie ein geschickter Bastler für kaputte Haushaltselektronik. Das könnte ihm notfalls auch in der Kapsel helfen. Per Direktübertragung sah man ihn gestern Mittag Feines aus Chinas (selbst im Weltraum raffinierten) Küche probieren: von "Reis mit acht Kostbarkeiten" bis zu scharfem "Gongbao-Hühnerfleisch".

1998 wurde Yang als einer von 14 Astronauten Chinas unter 1500 Kampfpiloten ausgesucht. Fünf Jahre lang wurde er zum Raumfahrer ausgebildet. Nach seiner Landung soll er nach Peking geflogen werden, wo ihn Ehrungen und wohl bald die Beförderung zum Oberst erwarten. So war es einst auch bei Juri Gagarin.

In Chinas Internet haben Raumfahrtfans ihrem Helden Yang Liwei scherzhaft einen doppeldeutigen Spitznamen gegeben. "Bruder Wei" ("Weige") nennen sie ihn. "Weige" lautet auch die chinesische Übersetzung für Viagra. Ein Astronaut ist die verkörperte Potenz des neuen China. (Johnny Erling/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2003)

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