Größenwahn mit offenem Ausgang

15. Oktober 2003, 19:27
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Soeben hat China einen Menschen ("Taikonauten") ins All geschickt und damit als dritte Nation die bemannte Raumfahrt gestartet. 2010 soll der erste Chinese auf dem Mond landen.

Auch anderweitig greift das Reich der Mitte mit seinen derzeit 1,3 Milliarden Einwohnern nach den Sternen: Der weltgrößte Staudamm bei den drei Schluchten am Yangtse geht der Vollendung entgegen; nach Tibet wird die höchstgelegene und am schwierigsten zu bauende Eisenbahn errichtet; im Süden wird der längste Kanal gegraben, damit Peking ausreichend Wasser erhält - und dort sollen 2008 die größten und schönsten olympischen Spiele aller Zeiten stattfinden.

Übernimmt sich China mit seinem Hang zu Superlativen wieder einmal, wie so oft in der Vergangenheit? Johnny Erling, mit dem Land mehr als 25 Jahre vertraut, Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Zeitungen, darunter der STANDARD, verheiratet mit einer Chinesin, hütet sich vor Prognosen. Er erinnert allerdings daran, dass Chinas "große Sprünge nach vorn" in der Vergangenheit "immer im Desaster" geendet haben.

Fest steht, dass in der Wirtschaft und im sozialen Gefüge des Landes in atemberaubender Geschwindigkeit gigantische Veränderungen stattfinden. Und das in einem starren politischen System, an dem auch nach dem jüngsten Generationenwechsel an der Staats- und Parteispitze nicht gerüttelt werden darf.

Wie lange sich dieser Sozialismus mit kapitalistischem Antlitz halten kann, ist die Frage. Denn der wirtschaftliche und soziale Umbruch fördert das Entstehen einer selbstbewussten Mittelklasse und ansatzweise auch einer Zivilgesellschaft. Erlings Report macht das in eindringlichen Bildern deutlich. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 10. 2003)

Johnny Erling: China - Der große Sprung ins Ungewisse. Ein Report
Herder, Freiburg i. B. 2002 223 Seiten, 20,50 Euro
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