Neue Kardinäle, neue Spekulationen

17. Oktober 2003, 19:35
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Johannes Paul II. hat schon mehrere "Papabili" überlebt – Italiener als Favoriten

Faktum ist, dass der Papst in seinem 25-jährigen Pontifikat schon etliche Papstanwärter "überlebt" hat. Kardinal Carlo Maria Martini, der für Reformen aufgeschlossene frühere Erzbischof von Mailand, war lange Zeit Gegenstand des heute abgestandenen Scherzes, ob nicht aus einem Martini rosso ein Martini bianco werden könne. Einige sahen in dem Pariser Kardinal Jean- Marie Lustiger schon den ersten aus dem Judentum stammenden Papst seit dem Apostel Petrus. Hoch im Kurs, beim Papst selbst und bei den "Vaticanisti", stand dann zu Beginn der Neunzigerjahre auch der dunkelhäutige Brasilianer Lucas Moreira Neves, ein Dominikaner, dem man die massive Unterstützung des Opus Dei nachsagte. Er starb im September 2002 im 77. Lebensjahr an seiner Zuckerkrankheit.

Wenige Langzeit-"Papabili" sind geblieben, und auch die gehören aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht zu den großen Favoriten: Godfried Danneels (geb. 1933), Erzbischof von Brüssel, gilt als Mann der Mitte, hat aber bereits einige Bypassoperationen hinter sich. Als gesundheitlich angeschlagen gilt auch Camillo Ruini (geb. 1931), der Vikar des Papstes für die Stadt Rom.

Wer sind aber nun jene, die im "Toto Papa" am häufigsten genannt werden? Der erste Blick richtet sich auf die Italiener. Ihnen traut man am ehesten eine Phase der Beruhigung in der Kirche zu. Die beiden Topkandidaten Italiens sind Dionigi Tettamanzi (geboren 1934), Erzbischof von Mailand und der frühere Rektor der Lateran-Universität und Neokardinal Angelo Scola (geboren 1941), Patriarch von Venedig. Beide sind anerkannte Theologen mit vorwiegend, aber nicht ausschließlich konservativen Zügen. Aber auch mit Severino Poletto (geboren 1933), dem Erzbischof von Turin, mit Ennio Antonelli (geb. 1936), dem Erzbischof von Florenz, mit Tarcisio Bertone (geb. 1934), dem Erzbischof von Genua und dem einflussreichen Kurienkardinal Giovanni Battista Re (geb. 1934) ist zu rechnen. Chancen billigt man noch den Eminenzen José da Cruz Policarpo (geb. 1936) aus Lissabon, Christoph Schönborn (geb. 1945) und Walter Kasper (geb. 1933), deutscher Kurienkardinal, zu.

Aus dem Süden gelten der Nigerianer Francis Arinze (geb. 1932), seit Jahren an der Kurie tätig, und Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga (geb. 1942), Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras), als mögliche Kandidaten. Offenheit für Reformen lässt eher Letzterer erwarten. Der polyglotte, charismatische Salesianer, er studierte übrigens in Innsbruck Psychiatrie, war Schirmherr der Entschuldungskampagne im Heiligen Jahr. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

Von Heiner Boberski,
Autor des Buches "Der nächste Papst". Otto Müller Verlag, Salzburg
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