Eine "Schwester" emanzipiert sich

27. Oktober 2003, 12:36
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Auch nach dem Tod der Knef bleibt ihr fiktiver Zwilling Irmgard bühnenaktiv - Wien-Besuch und Gewinnspiel

Vor nunmehr vier Jahren verwandelte sich der Berliner Ulrich Michael Heissig auf der Bühne erstmals in Irmgard Knef, Hildegards gefrustete weil ins Abseits gedrängte zehn Minuten zu spät geborene Zwillingsschwester. Im liebevoll persiflierten Knef-Stil trug Irmgard IHRE bekanntesten Chansons vor - umgetextet freilich als klingende Anklagen gegen SIE, die Irmgard ruchlos in den Schatten schmiss, um allein Weltkarriere zu machen.

Die eigentliche Hauptperson in Irmgards erstem Programm "Auferstanden aus Ruin" war somit die Abwesende. Als Hildegard Knef Anfang 2002 - nur wenige Tage nach Astrid Lindgren übrigens - starb, drängte sich unwillkürlich die Frage auf, was jemand, der sein momentanes künstlerisches Schaffen ganz auf diese eine Person ausgerichtet hat, in Zukunft tun würde. Zumal in "Auferstanden" zwar in jeder Sekunde größte Bewunderung für SIE zu spüren war, mitunter aber auch durchaus ruppig mit der Parodierten (Stichwort "trinkfest" ...) umgesprungen wurde. Doch ...

"... muss ja weitergehen ..."

... wie es als Motto über dem neuen Programm "Schwesterseelenallein" steht. Und Heissig entschied sich für den nachhaltigsten Weg, um Irmgard weiterbestehen lassen zu können: Er wahrt die Form, füllt sie jedoch mit neuem Inhalt. Im Mittelpunkt von "Schwesterseelenallein" steht nun endgültig Irmgard Knef mit Episoden aus ihrem fiktiven und dennoch so real wirkenden Leben.

Manchmal mit Wehmut, meistens genial-komisch und immer mit knef-typischem knochentrockenem Sarkasmus kommentiert und besingt sie den Alltag in Berlin und das lange, lange Leben einer nur fast erfolgreichen Künstlerin. Singt von der letzten Trotzkistin in Kreuzberg, die mit ihrem Tod an der Aldi-Kassa wenigstens einmal noch die Arbeiter bewegen konnte ... und sei es nur zu Zornausbrüchen, weil sie hinter dem Leichnam in der Schlange stehen müssen. Singt vom tauben Leierkastenmann, den Leben, die sich hinter den Klingelschildern ihres Mietshauses verbergen, und dem Traum, als Literaturluder zum Künstlerkreis um Franz Schubert und Moritz von Schwind gehört zu haben.

"Im Gruppenraum ist Loveparade"

Der Großteil der Chansons sind umgetextete Coverversionen von Brahms über Gershwin bis Antonio Carlos Jobim. Das "Girl from Ipanema" mutiert dabei zum "Kerl aus Kreuzberg" mit Sinn für subtile Pointen bis ins Detail (aus dem Endhaucher von when she passes each one she passes goes "a-a-aah!" wird rhythmisch passend, aber inhaltlich gegenläufig will ich mit ihm flirten, denkt er: "Alte Kuh!").

Einige Stücke sind neu geschrieben, dabei aber stets im Stil der von Hans Hammerschmid arrangierten jazzig-swingenden Knef-Lieder aus den späten 60ern und frühen 70ern gehalten. Mittendrin allerdings das Techno-Stück "Loveparade im Altersheim", eine Zeitreise ins Jahr 2070, in dem sich die eingewiesene Fun-Geriatrie an die fetten 90er Jahre und die erste SMS erinnert, während sich ihre Pfleger darin üben, die von Falten und Zellulite verzerrten Tattoo-Motive von anno dunnemals zu entziffern ...

"Kindchen, fahr ab!"

Beibehalten hat Irmgard - natürlich - den Bühnenauftritt als würdig verhüllte Grande Dame, mit blonder Edelperücke, satellitenschüsselgroßen Sonnenbrillen und knefesken Kopfbedeckungen. Und auch die Knef-typische Intonation beim Singen wie Sprechen - mal vernuschelt, mal brachialbetont - beherrscht Heissig inzwischen in Perfektion.

So stellt sich auch bei "Schwesterseelenallein" derselbe Eindruck wie schon bei "Auferstanden aus Ruin" ein: Erst vergisst man ziemlich schnell, dass da eigentlich ein Mann auf der Bühne steht - und nach und nach auch, dass es keine Knef ist. Die Knef ... wenn Sie wissen, was ich meine.
(Josefson)

"Irmgard Knef: Schwesterseelen- allein"

Live in der Wiener Kulisse,
Ö-Premiere: 22.10.2003, Beginn: 20 Uhr, danach 23.10. - 25.10. und 28.10. - 01.11.2003

Wir verlosen 2x2 Karten am für 30.10. und 31.10.
Bitte Wunsch- und eventuelles Ausweichdatum in der Mitmach-Mail angeben ... und Achtung: Am 30. ist Nichtraucher-Vorstellung!

>>> zum Gewinnspiel

Irmgard Knefs Webseite
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    foto: cid/irmgard knef
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