Deutschland als Verkäufermarkt

19. Oktober 2003, 21:07
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Noch bis einschließlich Sonntag, 19. Oktober: 48. Kunst Messe München (KMM)

München - Es ist ja immer das Gleiche: Die sündteuren Museumsstücke, rar und deshalb hochpreisig, fallen bei jeder Messe auf. Sie sind die Eyecatcher. Dazwischen findet sich, wie eben auch auf der recht konservativ ausgerichteten "Kunst Messe München", recht gute Qualität für das Publikum zu eher leistbaren Preisen. Etwa die 4500 Euro, die man bei Netsuke-Spezialistin Flachsmann für ein ganzes Band von geschnitzten Darstellungen der zwölf chinesischen Tierkreiszeichen auslegt. Oder man erwirbt statt eines teuren Orientteppichs mal einen flachen Textil-Tiger, aus dem Nepal des 19. Jahrhunderts, zu haben bei Sandvoss um 9500 Euro. Tigerteppich-Sammlerin und Tee-Lady Lipton gehörte dieses wunderbar politisch korrekte Wand- oder Bodentier. Günstig auch ein sehr gut erhaltener Goldtrauben-Spiegel, Österreich, zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts beim (Hofburg-Aussteller) Kuhnke.

Karin Bellinger, bekanntlich in Geschäftspartnerschaft mit Bernheimer/Colnaghi, bietet dem deutschen Markt entsprechend, in der zwölf Händler starken Sektion "Zeichnungen" eine Ansicht Baden-Baden von Franz Alt für 14.000 Euro. Tischbein, der Maler mit dem Goethe-in-der-Campagna-Bild, zeigt in seiner bitterbösen Feder/Kreidezeichnung an ihrem Stand, dass die gejagten Tiere Rache nehmen: Der Jäger brät am Grill, das Wildschwein schwingt den Kochlöffel.

Tierisch geht es bei einem mit 800.000 Euro wohl teuersten Objekt der Messe zu, einem Rhinozeros. Es ist goldfarben und noch dazu der Träger einer Uhr, gefertigt vom Briten James Cox im Auftrag des Hochadels. Das opulente Stück, damals im streng-klassizistischen Zeitalter "le goût moderne", wird, wenn es verkauft wird, an den arabischen Markt gehen.

Mit deutschen Museumskäufen, klagt der Generaldirektor des Deutschen Historischen Museum, Hans Ottomeyer, schaut es trist aus: "Sie verkaufen eher, als dass sie kaufen." Deutschland sei zu einem reinen Verkäufermarkt geworden.

Auffällig groß ist das Angebot an hochwertigem Silber und an Porzellan. Was hier (im süddeutschen Raum) immer noch Saison hat, sind Heiligenplastiken, ob riesengroß, ob in vitrinenkompatibler Kleinplastik. Letztere kann natürlich auch mythologische Themen haben. Hier wählen die vielen Händler eher konservative Präsentation, in Massen. Statt der hier erfrischend anderen Kunstkammer Laue kommt heuer Böhler/Blumka - auch das kann sich sehen lassen.

Diese Schiene sei etwas totgelaufen, meint der hauptsächlich in Paris lebende Augsburger Uwe Dobler. Er sei Zwischenhändler, beliefere normalerweise internationale Interior-Designer und habe heuer den Schritt zur Messe gewagt. Dobler richtet sein Interesse auf jüngere Kunden. Sein Stand betont das Interieurhafte, das die französischen Messen wie auch zunehmend Maastricht bestimmt - Menschen, die modern eingerichtet sind und etwas Besonderes, Historisches suchen. Und das kann dann auch ein Gartenmöbel fürs Wohnzimmer sein, so Dobler.

Eine neue Schiene in das doch sehr barock-üppige Programm hatte Patrick Kovacs mit seinen strengen Wiener Möbeln 1900-1950 gebracht, diesmal leider nicht. Salis & Vertes (Salzburg) beleben die eher schwache Moderne-Sektion. Schieles Akte aus der Sammlung Leopold, allen voran das punkige Selbstbildnis des Malers, welches im Rahmen der KMM-Sonderausstellung präsentiert wird, ragen qualitativ meilenweit aus ihrem Münchner Umfeld heraus. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

Von Doris Krumpl

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kunstmesse muenchen.de
  • Madonnenhaft: Ein Blatt von Friedrich Overbeck bei Arnoldi-Livie/München in der qualitativ hochwertigen, mit zwölf Händlern bestückten Sektion "Zeichnungen"
    foto: kmm

    Madonnenhaft: Ein Blatt von Friedrich Overbeck bei Arnoldi-Livie/München in der qualitativ hochwertigen, mit zwölf Händlern bestückten Sektion "Zeichnungen"

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