Monogamie und Fremdgehen: Zwei Seiten einer Medaille

20. Oktober 2003, 13:21
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Flächendeckende genetische Vaterschaftstests an Blaumeisen vorgenommen - "Seitenflüge" sind häufig

Wien - Monogame Singvögel - wie etwa Blaumeisen - gehen offenbar häufiger fremd als bisher angenommen. Das geht aus einer im Wienerwald durchgeführten Studie der österreichischen Biologin Katharina Foerster von der Max Planck Forschungsstelle für Ornithologie in Seewiesen (Deutschland) hervor. Im Rahmen der in der jüngsten Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" veröffentlichten Studie wurden flächendeckend genetische Vaterschaftstests an Blaumeisen vorgenommen, erklärte Foerster im Gespräch.

Verschiedene Singvogelarten galten bisher als weitgehend monogam und wurden etwa in populärwissenschaftlichen Naturdokumentationen als vorbildliche Ehepartner dargestellt. Doch die Studie verweist dies mehr oder weniger ins Reich der Fabeln. "Bei den sozial monogamen Blaumeisen ist Fremdgehen eher die Regel als die Ausnahme", so Foerster. Häufig werden von einem Blaumeisenpaar Kinder von verschiedenen Vätern - also Halbgeschwister - zugleich im Nest aufgezogen. Es gebe Hinweise, dass es sich bei anderen Arten ähnlich verhalte.

Positiver Effekt ...

Die Vorteile dieser "außerehelichen Paarungen" sind für Männchen offensichtlich, sie erhöhen damit ihre eigenen Nachkommenschar und sorgen dafür, dass ihre Gene möglichst zahlreich weiter gegeben werden. Aber auch Weibchen tun ihrem Nachwuchs eigentlich etwas Gutes, wenn sie sich mit fremden Männchen paaren, fanden die Biologen heraus.

So stellte sich heraus, dass Junge, die bei einem Seitensprung gezeugt wurden, genetisch stärker heterozygot (mischerbig) waren als die Kinder des sozialen Vaters. Heterozygot bedeutet, dass für ein bestimmtes Merkmal zwei unterschiedliche Gene vorhanden sind. Tiere von nahe verwandten Eltern sind in der Regel weniger heterozygot. Sie weisen im Gegenteil viele homozygote Merkmale auf, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich Erbkrankheiten durchsetzen. Im Extremfall spricht man von Inzucht.

... bis ins Erwachsenenstadium

Die Ornithologen fanden weiters heraus, dass die Heterozygosität die Fitness einer Blaumeiste mit bestimmt. Jungvögel, die ihren ersten Winter überlebten und im gleichen Gebiet zu brüten begannen, war meist stärker heterozygot als ihre nicht überlebenden Nestgefährten. "Sie verfügen damit über einen entscheidenden Vorteil, wenn man bedenkt, dass von einer im Durchschnitt elfköpfigen Blaumeisenbrut meist nur ein oder zwei Jungvögel den nächsten Frühling erleben", sagte Foerster.

Aber auch im Erwachsenenalter wirkt sich die individuelle genetische Vielfalt positiv aus. So legten stärker heterozygote Weibchen größere Gelege. Heterozygote Männchen waren wiederum erfolgreicher bei der Jungenaufzucht. Die Männchen signalisieren darüber hinaus über ihr Gefieder den Grad ihrer Heterozygosität: Je vielfältiger die Genetik, desto stärker reflektiert das Gefieder UV-Licht. Die Vögel können im Gegensatz zum Menschen dieses Licht wahrnehmen. Ein Weibchen tut also im Sinne ihres Nachwuchs gut daran, ein stark im UV-Licht schimmerndes Männchen zu wählen. (APA)

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