"Konzentration auf Irak lähmt Energien der USA anderswo"

16. Oktober 2003, 19:29
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Institut für strategische Studien kritisiert schlechte Vorbereitung Washingtons auf die Nachkriegszeit

London - Die fortgesetzte Konzentration der USA auf den Irak lähmt nach Einschätzung des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London "Energien" der US-Regierung für die Konfliktlösung in anderen Teilen der Welt. Die Beilegung der Irak-Krise dürfte laut IISS auch in den nächsten zwölf Monaten oberste Priorität der US-Regierung bleiben. Deshalb sei es "unwahrscheinlich", dass Washington im Streit um die Nuklearkapazität des Iran eine "militärische Option" in Betracht ziehen würde, stellt das Institut in seinem am Mittwoch vorgelegten Jahresbericht "Das Militärische Gleichgewicht 2003-2004" fest.

Das transatlantische Verhältnis ist nach Meinung des IISS durch den Irak-Konflikt "schwer beschädigt" worden. Dazu hätten europäische Klagen über den Unilateralismus der USA und amerikanische Bedenken gegen eine "multipolaren Welt" beigetragen. Die Konfliktpartner USA und Großbritannien seien auf das "Ausmaß der Probleme" im Irak nach dem Zusammenbruch des Regimes von Saddam Hussein "unvorbereitet" gewesen. Sie hätten es jetzt mit einer "neuen Front im Anti-Terrorkampf" zu tun.

Die Präsenz der USA im Irak habe zwar potenzielle Unterstützerstaaten von Terroristen abgeschreckt, jedoch bisher zu einem "verstärkten Impuls" und zu mehr Zulauf für "islamische Terroristen" geführt, sagte IISS-Direktor John Chipman am Mittwoch in London bei der Vorstellung des Rüstungsberichts. "Transnationale Terroristen" seien inzwischen in mehr als hundert Ländern präsent.

Zum Kampf gegen den Terror stellt das Institut fest, dass gegenwärtig für das internationale Terrornetzwerk kein "territorialer Stützpunkt" auszumachen sei. Deshalb bleibe die Herausforderung an die Geheimdienste bei der Terrorbekämpfung groß. Zwar habe das Terrornetzwerk El Kaida möglicherweise "nicht mehr die Kapazität" für einen Angriff vom Ausmaß des 11. September 2001. Es sei aber zu bedenken, dass die Vorbereitungsphase für die "komplexen Operationen" von El Kaida durchaus die seitdem vergangenen 25 Monate überschreiten könnten. Bombenanschläge von Selbstmordattentätern auf US-Einrichtungen seien in den Augen der Terroristen "vorstellbare Alternativen."

Im Gegensatz zum Fall Irak zögen die USA und seine europäischen Partner im Streit um das Atomprogramm des Iran an einem Strang. Nach Einschätzung des IISS "marschiert der Iran stetig auf die Vollendung einer atomaren Waffenoption zu." Noch sei aber völlig offen, wie die gegenwärtigen Untersuchungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) ausgehen würden.

Trotz der abgeschwächten Weltwirtschaftslage sind die in US-Dollar bemessenen Rüstungsausgaben weltweit im Jahr 2002 um sieben Prozent gestiegen. Wesentliche Faktoren seien dabei die US-Rüstungsausgaben und der starke Euro gewesen. Auch für 2003 rechnet das IISS mit einem - ebenfalls weitgehend von den USA getragenen - Anstieg um sieben Prozent.

Russland habe weiterhin Schwierigkeiten bei der Umsetzung seiner Militärreformen, hieß es in dem Bericht weiter. Der "Fortschritt in Richtung Professionalisierung" sei "langsam". Gleichzeitig bleibe der Konflikt in der umstrittenen Kaukasusrepublik Tschetschenien problematisch. Durch Selbstmordanschläge seien russische Ziele nicht nur im Kaukasus, sondern auch Ziele in der Hauptstadt Moskau in Gefahr.

In Asien fehlten derzeit Zeichen für einen Fortschritt im Streit um das nordkoreanische Atomprogramm, erklärte das IISS weiter. In den "kommenden Monaten" seien keine "dramatischen" Entspannungsschritte in der Region zu erwarten; es sei denn, die beteiligten Parteien könnten sich prinzipiell auf dauerhafte Gespräche einigen, fügte Chipman hinzu. (APA/dpa)

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