Calvi-Mord: Staatsanwalt fordert Prozess gegen Klagenfurterin

16. Oktober 2003, 19:11
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"Bankier Gottes" wurde vor 21 Jahren unter Londoner Brücke erhängt

Rom - 21 Jahre nach dem Tod des für den Vatikan arbeitenden italienischen Bankiers Roberto Calvi hat die römische Staatsanwaltschaft am Mittwoch einen Prozess gegen vier Personen, darunter die Klagenfurterin Manuela K. beantragt. Der Klagenfurterin, ihrem Ex-Freund Flavio Carboni sowie weiteren zwei Verdächtigten, den Ex-Mafia-Bossen Pippo Calo' und Ernesto Diotallevi wird vorsätzlicher Mord vorgeworfen, berichteten italienische Medien.

Manuela K. war kürzlich von den Staatsanwälten vernommen worden. Sie war nach Angaben von Carbonis Rechtsanwalt Renato Borzone mit ihrem Freund 1982 nach London gegangen. Damals war sie 19 Jahre alt. "Gegen Frau K. gibt es nichts Belastendes. Die ganzen Vorwürfe gegen die vier Verdächtigten sind einfach lächerlich", hatte Borzone im Juli betont, nachdem die Ermittler die Vorwürfe gegen die Kärntnerin bekannt gegeben hatten. Ein Gericht in Rom muss nun entscheiden, ob gegen die Angeklagten Beweismaterial für die Eröffnung eines Strafverfahrens vorhanden ist.

Bankenskandal

Calvi war 1982 unter einer Londoner Brücke erhängt aufgefunden worden. Zunächst wurde Selbstmord vermutet. Als Präsident der Banco Ambrosiano stand er damals im Mittelpunkt des größten italienischen Bankenskandals seit dem Zweiten Weltkrieg. Auch die Londoner Polizei hatte im September die Wiedereröffnung der Untersuchung beschlossen.

Die italienischen Ermittler gehen davon aus, dass die Mafia die Ermordung Calvis in Auftrag gegeben hatte. Er habe zu viel ihres Geldes verloren und zu viel über ihre Operationen gewusst. Der Vatikan hielt einen erheblichen Anteil an der Banco Ambrosiano, die nach dem Verschwinden von 1,14 Milliarden Euro zusammenbrach.

Bankrott

Der Bankrott der Banco Ambrosiano war der größte Bankenzusammenbruch in der italienischen Nachkriegsgeschichte, deren genaue Hintergründe bis heute im Dunkeln liegen. Immer wieder war von illegalen Geschäften sowie von Verstrickungen hoher Politiker die Rede. Calvi, bereits seit 1971 Präsident der Banco Ambrosiano, war 1981 wegen Korruption verurteilt worden, kam aber auf Kaution frei. Am 11. Juni 1982 verließ Calvi Italien mit einem Koffer voller Dokumente; angeblich hatte er im Koffer belastende Unterlagen über hohe italienische Politiker bei sich.

Nur wenige Tage später, am 19. Juni, wurde seine Leiche in London unter der Black Friars Bridge gefunden. Im Monat darauf wurde die Akte vorerst geschlossen, das Untersuchungsergebnis lautete auf Selbstmord durch Erhängen. Ein Jahr später wurde aber ein weiteres Verfahren eröffnet, das im Oktober 2002 auf Grund forensischer Untersuchungen zum Schluss kam, dass es sich beim Tod des "Bankier Gottes" um Mord gehandelt haben dürfte. Dann war auch aus Kreisen der italienischen Staatsanwaltschaft der Verdacht zu hören, der "Bankier Gottes" könne das Opfer einer gemeinsamen Aktion der Mafia und der Geheimloge P2 geworden sein.

Mehrere Prozesse über die Bankenpleite endeten mit hohen Haftstrafen. Die Verwicklungen mit den Vatikan konnten dabei nie genau geklärt werden. Die Ambrosiano-Bank wurde nach den undurchsichtigen Geschäften ihres Chefs mit Schulden in Höhe von über 500 Millionen Euro liquidiert.

Rechtsanwältin beteuert Unschuld der Klagenfurterin

Die Rechtsanwältin der Klagenfurterin Manuela K. hat im Gespräch mit Journalisten die volle Unschuld ihrer Mandantin beteuert. "Damals war sie 18 Jahre alt, sie war ein naives Mädchen und in einen Mann verliebt, den sie als reichen Geschäftsmann betrachtete", sagte die Verteidigerin Ersilia Barracca.

Heute sei die 41 Jahre alte Manuela K. Mutter eines fünfjährigen Kindes und habe mit Carboni nichts mehr zu tun. "Die Vorwürfe sind vollkommen unbegründet, das kann man leicht beweisen", so Barracca. Die Klagenfurterin sei am vergangenen Donnerstag in Rom von den römischen Ermittlern vernommen worden.

Die Verteidigerin betonte, dass auf einem Bankkonto auf den Namen der Klagenfurterin fünf Millionen Dollar (4,28 Mill. Euro) entdeckt worden waren. Das Konto sei jedoch von Carboni verwaltet worden. Ihre Mandantin habe mit diesem Geld nichts zu tun gehabt, so Barracca. (APA)

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    Roberto Calvi starb vor 21 Jahren unter einer Londoner Brücke

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