Ich bin mein eigener Antiheld

24. Oktober 2003, 23:53
posten

Stoff für mehr als einen Kolportageroman: DBC Pierre gewinnt den Man Booker Prize

London - Das Timing war perfekt: Vor einer Woche noch wusste kaum jemand, wer sich hinter dem sonderbaren Pseudonym DBC Pierre verbarg. Bekannt war lediglich, dass der Romanerstling Vernon God Little jenes ominösen Autors in der Endrunde stand für den Man Booker Prize, Englands wichtigste Auszeichnung für Literatur.

Am vergangenen Wochenende schließlich, wenige Tage vor der Preisverleihung, lüftete DBC Pierre das Geheimnis seiner Identität im Londoner Guardian: Dort legte der 42-jährige Peter Warren Finlay das reuige Bekenntnis eines Lebens in Sünde ab – Stoff für mehr als einen Kolportageroman.

Als der Mann nun tatsächlich den mit 50.000 Pfund (rund 71.300 Euro) dotierten Booker Prize gewann, war denn auch kaum von seinem prämierten Buch die Rede, dem sprachmächtigen Monolog des 15-jährigen Vernon God Little, der sich unschuldig in die Rolle des Täters bei einem Schulmassaker in Texas redet, eine Satire auf die amerikanische Kultur der Gewalt, deren stilistische Brillanz und tiefe Kenntnis amerikanischer Gegenwart die britische Jury in höchsten Tönen lobte. Als faszinierender erwies sich bisher die andere, wildere Geschichte, die Dirty-But-Clean Peter (nichts anderes nämlich heißt DBC Pierre) sein Leben nennt. In Kurzfassung: Der 19-jährige Halbwaise, geboren in Australien, aufgewachsen in Mexiko, lernte nach einem Autounfall, der sein Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellte, in Spanien den älteren Maler Robert Lenton kennen. Ihn ließ der Kokain- und Heroinsüchtige ein Dokument unterschreiben, mit welchem Lenton ihm unwissentlich sein Haus überschrieb.

Mit dem Geld der flugs verscherbelten Immobilie tauchte Dirty Peter ab – zurück nach Mexiko, wo er sich auf die Suche begab nach dem mythischen Gold der Azteken, die Expedition gleichzeitig verfilmte – zwei Projekte, die einträchtig scheiterten und seine Schulden um weitere Hundertausend Dollar erhöhten.

Nach Jahren einsamer Läuterung im irischen Versteck reüssierte der Flüchtige nun nicht nur als Prosaist: Bereits im Frühjahr hatte er den Bollinger-Everyman-Woodhouse- Preis für Comicautoren gewonnen. Damals hatte übrigens Robert Lenton sein Bild im Guardian entdeckt. Nun verzeiht er dem reuigen Sünder. Und der will seine Schuld begleichen. Spätestens mit dem Erlös seiner Memoiren. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.