Frankreich erneuert seinen AKW-Park

15. Oktober 2003, 22:52
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Die Regierung in Paris will die nationalen Atomkraftwerke durch eine neue Generation von Druckwasserreaktoren ersetzen

Atompolitik ist in Paris ein Politikum ersten Ranges wegen der Proteste von Umweltschützern und der enormen Bedeutung für Frankreich - sowohl für die militärische "Force de Frappe" als auch für die zivile Stromversorgung, die zu achtzig Prozent durch Kernenergie gedeckt wird. Die Regierung von Jean-Pierre Raffarin will sich daran nicht die Finger verbrennen und geht deshalb auf Samtpfoten vor, um einen der wichtigsten energiepolitischen Entscheide der letzten Jahrzehnte vorzubereiten: den Ersatz des aktuellen Parks von 59 Atomkraftwerken. Deren Durchschnittsalter beträgt fast zwanzig Jahre. Ab 2015 müssen die ersten, ab 2020 die meisten anderen stillgelegt werden. Nur die französische Atomsicherheitsbehörde kann Ausnahmebewilligungen erteilen, damit ein AKW länger als 40 Jahre Strom produzieren darf.

Raffarin auf Atomkurs

Raffarin hält grundsätzlich auf Atomkurs: Auch wenn die erneuerbaren Energiequellen staatlich gefördert werden, hat er schon 2002 klargemacht, dass er nur einen Ersatz für die Atommeiler sieht: neue Atommeiler. Raffarin müsste, damit der 2015-Termin hält, schon bald grünes Licht für den Bau eines Experimentier-Reaktors geben. Die Pläne für diesen neuen Druckwasserreaktor (EPR), von der französischen Framatome und der deutschen Siemens ausgearbeitet, warten nur noch darauf.

Industrieministerin Nicole Fontaine hat nun dieser Tage erklärt, sie werde der Regierung "so schnell wie möglich" den Baubeginn des ersten EPR Megawatt vorschlagen. Dabei handelte sich offenbar um einen Versuchsballon, um die erwartete Opposition zu testen. Sie ist nicht ausgeblieben.

Öffentliche Debatte werde umgangen

Die Sozialisten kritisieren, dass der Entscheid über die Erneuerung des AKW-Parks hinter den Kulissen bereits gefallen sei. Eine öffentliche Debatte werde damit umgangen. Die neue Präsidentin von Greenpeace-France, die Nuklearexpertin Michèle Rivasi, bezeichnete den in den Neunzigerjahren projektierten EPR als "bereits veraltet".

Dieses Argument wird von der Atomlobby heftig bestritten. Sie bezeichnet den EPR als zehnmal sicherer. Bei der aktuellen Ebbe in der Staatskasse könnte Raffarin den Entscheid aber durchaus noch hinausschieben. Die Dringlichkeit des Zeitplans, den die AKW-Bauer geltend machen, ist ohnehin zu relativieren: Anfang Oktober verlängerte die Electricité de France (EDF) die Lebensdauer ihrer Atomkraftwerke durch einen buchhalterischen Federstrich von dreißig auf vierzig Jahre, um ein positives Halbjahresresultat vorlegen zu können. (Stefan Brändle/DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2003)

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